Studium im 14. Jh.
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Rezension
âventiure vür daz ôre - Hartmanns von Aue "Erec"

âventiure vür daz ôre - Hartmanns von Aue "Erec". Ein Hörbuch nach dem gleichnamigen Roman. Hg. v. Hildegard Elisabeth Keller. Unter Mitwirkung von Colette Brunschwig, Nadia Caldes, Jurgita Dudutyte, Rita Frommenwiler, Natacha Imhof Bickel, Ursula Meier, Marguerite Meier-Waldstein, Christina Müller, Sandra Suter. Eine Produktion mit den Teilnehmerinnen der Werkstatt SpielTextSpiel, Deutsches Seminar der Universität Zürich, Wintersemester 04/05. Audio-CD, 71 Minuten, mit Booklet. vdf Hochschulverlag AG an der ETH Zürich 2005. ISBN 3 7281 3015 X. sFr 28.-/ Euro [D] 18.80 / approx. US$ 25.-


"'der megede lîp was lobelich.
der roc was grüener varwe.'
'Am nächsten Morgen reiten sie weiter nach Penefrec.'
'Pe-ne-frec? Ah?'
'It's so nice,
it's like paradies!'"

Wer hier wohl spricht? Und mit wem? Der längst verstorbene Autor gewiss nicht - doch wer dann?

Im Wintersemester 2004/05 machten sich neun Germanistikstudentinnen unter der Leitung der Zürcher Professorin Hildegard Elisabeth Keller auf, den um 1185 entstandenen "Erec" Hartmanns von Aue mit Hilfe ihrer Stimmen zu neuem Leben zu erwecken. Es entstand ein neuartiges Hörbuch, das sich nicht länger damit zufrieden gibt, mittelalterliche Texte auf scheinbar feste, ‚autornahe' Leseeditionen zu reduzieren und dem Leser zum Textverständnis allein einen rekonstruierten soziokulturellen Entstehungskontext an die Hand zu geben. Die Teilnehmerinnen der Werkstatt "SpielTextSpiel" nehmen damit nichts Geringeres als den "Tod des Autors" in Kauf, um die "Geburt des Lesers" (Roland Barthes) zu evozieren und zugleich die performative Ästhetik des "Erec" offen zu legen.
Folglich wird der Plot neuhochdeutsch von wechselnden Erzählstimmen vorgetragen. Selbst den Figuren leihen die zehn Frauen ihre Stimmen. In regelmäßigen Abständen kommt in dieser Polyphonie auch die "Erec"-Edition zu Wort - mittelhochdeutsch, versteht sich. Einzelne mittelhochdeutsche Textpassagen wurden variierend musikalisch intoniert und als Monodie mit ausgebildeter Gesangsstimme, als Wechselgesang, als Kanon oder gar Rapsong vorgetragen.
Andere Stimmen kommentieren das Geschehen, erfragen Details, beschreiben ihre Visionen oder trällern Popsongfragmente der 70er und 80er, deren Inhalt mit dem Erzählten assoziiert werden kann. Damit wird die Leerstelle des 'impliziten Lesers' mit Stimmen gefüllt und die wirkungsästhetische Problematik mittelalterlicher Texte geschickt gelöst: Da Bedeutung nicht zwingend im Text enthalten und durch einschlägige Analysemethoden herauslösbar ist, sondern als individuelle Rezeptionsleistung im kommunikativen Wechselspiel zwischen Text und Leser bzw. Vortragendem und Zuhörendem entsteht, kann Textbedeutung nicht allein durch textimmanente Interpretationen erfasst werden. Die historische Aufführungspraxis, die individuellen Interpretationen der Aufführenden und die individuelle Aufnahme und Verarbeitung durch den Rezipienten treten als nicht mehr greifbare Faktoren neben den Text. Im vorliegenden Hörspiel entzieht sich die - eigentlich polyphone - 'zweite Erzählstimme', die die Rolle des Rezipienten spielt, betont behavioristischen, psychoanalytischen u. a. Zugangsversuchen, vielmehr präsentiert sie sich als kulturelles Produkt der Gegenwart. "Zwar lässt diese zweite Erzählerstimme berechtigte Zweifel an ihrer germanistischen Kompetenz aufkommen; unhaltbar ist etwa ihre gattungstheoretische Verbindung von mittelalterlichem Artusroman und amerikanischem Roadmovie des 20. Jahrhunderts. Gleichwohl wollen wir es nicht Erec gleichtun und sie zum Schweigen bringen" (Booklet).
Ziel dieser 'neuen Performance eines alten Romans' (Booklet) ist es, die intensiven Wechselbeziehungen zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit des Mittelalters offen zu legen. Zugleich soll die Ästhetik der Performanz, die im Mittelalter eine große Rolle gespielt hat und bei der individuellen, stillen Lektüre verloren geht, nachvollziehbar werden.

Die Audio-CD präsentiert sich im aufklappbaren Papp-Cover, das farbige Miniaturen aus Chrétiens "Le Chevalier au Lion" (Bibliothèque nationale de France, Paris, Ms fr. 1433) zeigt. Hartmann dichtete seinen "Erec" nach der Vorlage des um 1170 verfassten Romans "Erec et Enide" Chrétiens de Troyes. Der "Erec" Hartmanns ist damit eine Station in der Rezeptionsgeschichte eines wandelbaren Stoffes.
Das 32seitige Booklet gibt die mittelhochdeutschen Textpassagen des Hörbuchs synoptisch in neuhochdeutscher Übersetzung wider. Neben einem Vorwort bietet es außerdem knackige Einführungen auf wissenschaftlichem Niveau zu "Hartmann von Aue und die Anfänge des deutschsprachigen Romans", der "Vokalität im Mittelalter", "Enites Stimme und Schweigen" und "Gedanken zum Ehe-Diskurs in Hartmanns von Aue 'Erec'".

Eine historisierende Gesamteinspielung des über zehntausend Reimpaarverse umfassenden höfischen Romans in nur 71 Minuten konnte schon aus pragmatischen Gründen nicht erfolgen. Die Kompositionsstruktur des Hörbuchs, welche sich postmoderner Montage- und Collagetechniken bedient, zeigt dennoch eine spezifisch mittelalterliche Art des Umgangs mit literarischen Stoffen auf: Die Abwesenheit von Copyright und Autorisierung durch den Autor-Bearbeiter begünstigte Neuinterpretationen und Neuentwürfe; Aufführungen sollten eben nicht 'wissenschaftlich' und 'autornah', sondern höfisch-unterhaltsam sein. Da uns der "Erec" erstmals im "Ambraser Heldenbuch" (Anfang des 16. Jahrhunderts) in einer fast vollständigen, womöglich jedoch recht autorfernen Version überliefert wurde, kann der "Erec" unserer Editionen als Exempel des unfesten, unautorisierten Textes gelten. Der besondere Verdienst der Autorinnen, Sprecherinnen, Leserinnen, Sängerinnen und Schreiberinnen des vorliegenden Hörbuchs ist, dass sie die Rezeption, die Performanz und die Wandelbarkeit mittelalterlicher Texte kurzweilig aufzeigen. Und welcher Roman wäre hierzu besser geeignet als Hartmanns "Erec", der dem Sprechen eine besondere Bedeutung zuweist und zugleich mündliche Elemente eines Vortrags verschriftlicht?
âventiure vür daz ôre ist keineswegs an eine 'Gemeinde von Kennern' adressiert, sondern kann allen Interessierten herzlich empfohlen werden. Der volle Hörgenuss stellt sich auch ohne paralleles Lesen im Booklet ein, da sich der Inhalt der mittelhochdeutschen Passagen aus dem neuhochdeutschen Kontext erschließt. Zugleich bietet das allgemein verständlich formulierte Booklet eine wissenschaftliche Einführung, um das Gehörte auch ohne Vorwissen richtig einordnen zu können. Der sprachliche Zauber der Dichtung, der ansprechende Zusammenschnitt, die musikalischen Darbietungen und die 'natürliche' Aussprache der mittelhochdeutschen Verse durch die Zürcherinnen - die alemannischen Mundarten der Schweiz haben den historischen Lautstand weitgehend bewahrt - garantieren ein ästhetisches Erlebnis.

Besprechung in der Zeitschrift für Germanistik 1/2006 (Jörn Münkner)
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