Studium im 14. Jh.
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Rezension
Jakob Ruf, ein Zürcher Stadtchirurg und Theatermacher im 16. Jahrhundert.

Jakob Ruf. Leben, Werk und Studien. Band I: Jakob Ruf, ein Zürcher Stadtchirurg und Theatermacher im 16. Jahrhundert. Textband mit Audio-CD. Hg. von Hildegard Elisabeth Keller unter Mitarbeit von Andrea Kauer und Stefan Schöbi. Zürich: Chronos 2006. ISBN: 3-0340-0767-1. Fr. 42.- / Euro 28.-

botz hirn! botz schweisz! botz hosenlatz und nestelglimpf! botz lus! botz ofengabel und botz magen! botz Färden darm!
Die Flüche, mit denen der Zürcher Stadtchirurg und Theatermacher Jakob Ruf (um 1505-1558) seine Bühnenteufel Gott lästern ließ, besitzen eine Gemeinsamkeit: die Verstärkung durch das Kraftwort 'botz' (im Neuhochdeutschen findet sich hierfür meist 'potz'). Und da botz auch als Ausdruck des Erstaunens Verwendung findet, hieß eine Ausstellung, die im Frühjahr 2006 im Strauhof Zürich zu Jakob Rufs Leben und Werk stattfand, "botz. Jakob Ruf, ein Zürcher Stadtchirurg und Theatermacher im 16. Jahrhundert". Denn Jakob Rufs Biographie kann uns Heutige nur in Erstaunen versetzen. Sie ist nachzulesen im parallel zur Ausstellung veröffentlichten Buch "Jakob Ruf, ein Zürcher Stadtchirurg und Theatermacher im 16. Jahrhundert", das im Rahmen des vom Schweizer Nationalfonds (SNF) geförderten Forschungsprojekts „Jakob Rufs Theater- und Heilkunst“ verfasst wurde.
Initiatorin und Leiterin des Forschungsprojektes, in dem sich Medizinhistoriker, Kunsthistoriker, Theaterwissenschaftler und Germanisten engagieren, ist Hildegard Elisabeth Keller, die seit 2001 als Professorin für Ältere deutsche Literatur (von den Anfängen bis 1700) am Deutschen Seminar der Universität Zürich lehrt und forscht. Sie kuratierte gemeinsam mit Andrea Kauer und Stefan Schöbi die oben genannte Ausstellung.
Jakob Ruf wirkte in Zürich als Stadtschnittarzt, interimistischer Stadtarzt, Hebammeninstruktor und Regisseur. Zu seinen Spezialgebieten zählten die Blasensteinoperation, der Starstich und das Operieren von Leisten- und Hodenbrüchen. 'Meister Ruf' konnte sich in der turbulenten Zeit im Zürich des frühen 16. Jahrhunderts besondere Berufsqualifikationen und Bildungswissen erwerben, die ihm eine Karriere frei von Zwängen sozialer Herkunft erlaubten. Als Schriftsteller versuchte Ruf, auf politische, religiöse und wissenschaftliche Entwicklungen Einfluss zu nehmen: Der gelehrte Handwerkschirurg verfasste Spiele, medizinische Schriften, Prognostiken, Lieder, Sprüche und Flugblätter. Seine dramatische Vorliebe galt biblischen und eidgenössischen Stoffen. Jakob Ruf verstand sich als humanistischer Gelehrter, zu dessen Aufgaben die Wissensvermittlung und die Beförderung kritischer Hinterfragung zählten; indem der Chirurg Fehlgeburten wissenschaftlich erklärte und die Zeugungsfähigkeit des Teufels theologisch verneinte, setzte er dem verbreiteten Glauben an Teufelspakte und dem daraus resultierenden Hexenwahn wirkmächtige Argumente entgegen. Rufs Leben, Werk und Umfeld eignen sich somit besonders gut, um die Wissensvermittlung und den Mediengebrauch seiner Zeit und seines Lebensraums in einer medienhistorischen Fallstudie exemplarisch darzustellen und zu erforschen - und genau dies ist das Ziel des interdisziplinär angelegten Forschungs- und Edierungsprojekts, das einen Teil seiner Ergebnisse nun im vorliegenden Band präsentiert, der Rufs Leben und Werk in der frühneuzeitlichen Wissens- und Mediensituation kontextualisieren will. 2007 sollen eine vollständige Werkausgabe als kommentierte Edition in drei Bänden und ein Studienband folgen.
Neben dem Schaffen einer dringend benötigten Forschungsgrundlage - der kommentierten Gesamtedition und der Aufarbeitung historischer Quellen - gilt das Forschungsinteresse primär
- dem medizinischen Wissen der frühen Neuzeit,
- der medizinischen Versorgung der Zürcher Stadtbevölkerung,
- der städtischen Aufführungspraxis und ihrer Funktion,
- der Mediensituation im Zürich der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts und der Pragmatik von Text und Bild.
Der nun vorliegende erste Band arbeitet die Biographie Rufs anhand von reichhaltigem, teilweise neu aufgefundenem Quellenmaterial auf und beschreibt das historische Zürich zur Zeit Rufs. Das Konzept folgt weitgehend dem eines Ausstellungskatalogs; das üppige Bildmaterial und Kurzbeiträge zu Realien, Personen, Institutionen und Konzepten aus Rufs Lebens- und Textwelt leisten einen wichtigen Beitrag zur kulturgeschichtlichen Erforschung des frühneuzeitlichen Zürich und führen den Entstehungskontext der Werke Rufs und die Werke selbst vor Augen. Zur Identität Rufs und zur Überlieferungssituation seiner Werke konnten so neue Erkenntnisse erzielt und ältere Erkenntnisse bestätigt oder verworfen werden. Die AutorInnen des ersten Bandes bieten darüber hinaus ein neu erstelltes Werkverzeichnis aller überlieferten Werke Rufs, eine Bibliographie und eine kommentierte Edition wichtiger Quellen zur Biographie.

Die dem Buch beiliegende Audio-CD präsentiert bei einer Gesamtdauer von 74:59 Minuten elf der vierzehn in der Ausstellung verwendeten Hörstationen. Die Texte wurden von Jaap Achterberg, Hildegard Elisabeth Keller und Albert Wettstein eingesprochen. Die Textauswahl umfasst die beiden wichtigsten biographischen Dokumente (Testament und Bestallungsurkunde) zu Jakob Rufs Leben und Werk, die – neben weiteren Dokumenten – auf den Seiten der Buchausgabe (S. 255ff.) ediert wurden. Drei Tonspuren bieten ein akustisches Portrait Jakob Rufs und seiner Werke aus der Perspektive seiner Zeitgenossen. Zwei Beiträge führen Auszüge aus Rufs Spieltexten vor. Besonders kurzweilig wirkt ein Zusammenschnitt der von Rufs Theaterteufeln ausgestoßenen Flüche. Drei Tonspuren sind medizinischen Fragestellungen gewidmet:

1. Die Rede des Vogts: Grisler spricht zu den Eidgenossen anlässlich seiner Machtübernahme. Aus Jakob Rufs "Wilhelm Tell", Zürich 1545.
2. Jakob Rufs Testament (1555) in Auszügen.
3. Jakob Rufs Arbeitsvertrag als Zürcher Stadtchirurg. Bestallungsurkunde 1552.
4. Fluchlitanei der Teufel. Eine Collage der Botz-Flüche.
5. Jakob Rufs Persönlichkeit. Impressionen aus zeitgenössischen Briefwechseln.
6. Der Arzt und seine Patienten. Impressionen aus zeitgenössischen Briefwechseln und Archivalien.
7. Der Autor und Regisseur. Impressionen aus zeitgenössischen Dokumenten.
8. Blasensteinoperation. Ein Bericht aus Georg Bartischs "Kunstbuch", Dresden 1575.
9. Kindswehen. Vom 'natürlichen' Geburtsverlauf. Aus Jakob Rufs "Trostbüchlein", Zürich 1554.
10. Teufelssamen? Eine Diskussion zur Frage, ob der Teufel Kinder zeugen kann. Aus Jakob Rufs "Trostbüchlein", Zürich 1554.
11. Der Monolog des Todes. Aus Jakob Rufs "Adam und Eva", Zürich 1550.

Der Textband bietet wissenschaftliche Forschungsergebnisse auf hohem Niveau und macht diese zugleich einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich. Die Texte sind trotz komplexen Inhalts leicht verständlich und ansprechend zu lesen - Forschungsgeschichte wird zum spannenden Kriminalroman; ein Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Universität und Öffentlichkeit wird ermöglicht. Die geschickte Gesamtgestaltung erlaubt, dass der Band als Lesebuch und Nachschlagewerk zugleich genutzt werden kann. Die geleistete germanistische und historische Grundlagenforschung kann darüber hinaus die Basis für weitere kunsthistorische, rechtshistorische, volkskundliche oder theologische Forschungen bilden.
Die Audio-CD verleiht der Darstellung eine weitere Dimension. Die eingesprochenen Texte wurden nicht unvermittelt aneinander gereiht, sondern kurz in den Lebenskontext Rufs eingeordnet. Gebrauchstexte und literarische Texte der Audio-Einspielung bilden gemeinsam ein akustisches Panorama, das unabhängig von der Buchausgabe ästhetisch genossen werden kann und zugleich historisches Wissen vermittelt.

Besprechung in der Zeitschrift Das Mittelalter 2/2006 (Ortrun Riha)
Besprechung in der Zeitschrift für Germanistik 2/2007 (Jörn Münkner)
Besprechung in der SZfG 4/2006 (Francisca Loetz)
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Bilder der Ausstellung


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