Studium im 14. Jh.
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Rezension
Die Stunde des Hundes. Auf dem mystischen Weg zu Gott. Ein Hörbuch nach Heinrich Seuses ‚Exemplar’

Jörn Bockmann

Die Stunde des Hundes. Auf dem mystischen Weg zu Gott. Ein Hörbuch nach Heinrich Seuses ‚Exemplar’. Hg. von Hildegard Elisabeth Keller. Mit Beiträgen von Jeffrey F. Hamburger. Eingesprochen von Hildegard Elisabeth Keller, Klaus-Henner Russius und Christian Seiler. Mit Musik von Markus Kluibenschädl und Sandra Suter. 3 Audio-CDs, 205 Minuten, mit Booklet. vdf Hochschulverlag AG an der ETH Zürich 2007. ISBN 978-3-7281-3139-3. CHF 58.- / Euro [D] 39.90.


Heinrich Seuse also, kein Klassiker der ‚mittelhochdeutschen Blütezeit’ um 1200, sondern ein Mystiker des 14. Jahrhunderts. Der Dominikanermönch Seuse (um 1295 geboren,1366 gestorben), ein religiöser Asket, Selbsterforscher, Heilssucher, Visionär, in seiner Zeit bekannt als Prediger und Seelsorger, ist es, dem sich das neue Hörbuch von Hildegard Elisabeth Keller widmet. Warum Seuse? Es mag mit dem neu erwachten Interesse an Religiosität und Spiritualität zusammenhängen, die Keller inspirierte, sich des Dominikaners und seiner Lebenserzählung anzunehmen. Vielleicht liegt es aber auch einfach an der Tatsache, dass Seuse eine Art Landsmann von Keller ist, ein Alemanne, der den größten Teil seines Lebens am Bodensee oder in dessen Nähe verbrachte. Seuse selbst lobt die lebendige Stimme und das gesprochene Wort, und Keller spricht die orginalen Worte aus Seuses ‚Vita’ nicht rezitierend-feierlich, sondern lebendig und mit dem angemessenen alemannischen Einschlag. Verständnisprobleme gibt es nicht. (Zur Not lassen sich alle Texte im Textteil noch einmal nachlesen.) Der Sound des Hörbuchs mutet übrigens eher wie ein Hörspiel an. Und das ist gut so. Zu hören sind die Stimmen des ‚Dieners der Weisheit’ (den wir der Einfachheit halber mit Seuse gleichsetzen wollen), einer anderen Männerstimme, die geistlich gebildet und inquisitorisch misstrauisch fragt, dann die Stimme der Elsbeth von Stagel, einer Nonne und geistlichen Freundin Seuses über Jahrzehnte, und die Stimme Annas, einer weiteren Frau, die mit dem Meister einen Weg zu Gott finden will. Zu hören sind aber auch: Gesang, ein (kaum fassbar vielseitiges) Hackbrettspiel, Hölzer, Glocken, Geräusche von Wind, Wasser und ab und zu auch das Hecheln des Hundes. Ja, eines Hundes.

Der Titel des Hörbuchs dürfte rätselhaft sein für alle, die sich bisher noch nicht für Seuse interessiert haben: Was hat die Stimme des Hundes mit dem mystischen Weg zu Gott zu tun? Und was, bitte schön, ist Heinrich Seuses ‚Exemplar’. Die letzte Frage zumindest kann leicht beantwortet werden: eine Autorsammlung mit den deutschsprachigen Werken des Mystikers, vermutlich von ihm selbst konzipiert, enthaltend: die ‚Vita’, das ‚Büchlein der ewigen Weisheit’, das ‚Büchlein der Wahrheit’ und das ‚Briefbüchlein’. Das Hörbuch orientiert sich vor allem an der ‚Vita’, dessen Hauptfigur eben jener Diener der ewigen Weisheit ist, der wiederum mit Seuse zumindest sehr viel gemeinsam haben dürfte. Das Hörbuch bezieht auch die anderen Werke der Sammlung mit ein, ohne den Texten bloß paraphrasierend zu folgen. Seuses ‚Vita’ berichtet vom Leben eines Mönchs, von seinen asketischen Übungen, seinen Erlebnissen, den Gesprächen mit Menschen, Engeln und Gott. Die ‚Vita’ handelt aber auch vom Gespräch mit Elsbeth Stagel aus einem Dominikanerinenkloster bei Winterthur. Elsbeth ist Schülerin in geistlichen Dingen, sie erhält in der ‚Vita’ die weibliche Hauptrolle. Über rund ein Vierteljahrhundert hat die geistliche Freundschaft zu Seuse gedauert. Was im ‚Exemplar’ zu sehen und zu lesen ist, ist im Hörbuch zu hören: angeregte Disskussionen über höchst sublime theologische Angelegenheiten zwischen dem Diener der Weisheit und Elsbeth, Gespräche, die durchaus mit der Lust am geistlichen Gespräch und am richtigen Weg zur eigenen Vervollkommnung geführt werden.

Und der Hund? Es soll nicht alles verraten werden, nur so viel: Der Hund biss an einem Fußlappen vor Seuses Augen herum – und wurde ihm, dem mittlerweile 40-Jährigen, zugleich zu einem Sinnbild, das einen Lebenswandel einleitete: ein Vorhaben, sich fortan in die Schule der Gelassenheit zu begeben. Ziel: sein Schicksal geduldig ertragen zu können, im Geist wahrer christlicher Demut, versteht sich. Aber eigentlich versteht sich dies nicht einmal bei einem Mönch von selbst: Dass die Demut unserem bildgewaltigen Theologen, Prediger und Seelsorger nicht immer leicht gefallen ist, auch das erfahren wir. Anfeindungen, Intrigen, auch Häresievorwürfe, wie schon im Fall seines hoch verehrten Lehrers Meister Eckhart. Seuse scheint diese Anwürfe nicht nur wegen einer veränderten Haltung zur Welt, sondern auch im Gespräch mit Frauen wie Elsbeth und Anna überwunden zu haben. Und er ist dabei ein charismatischer Lehrmeister. Stets auf der Suche nach der bildhaften Erklärung für das Bildlose sind auch die Texte voller (sprachlicher) Bilder. Die Handschriften des ‚Exemplars’ weisen ein vielseitiges Bildprogramm auf, das in Abbildungen einer Handschrift aus Einsiedeln gut erläutert im Hörbuch abgebildet ist.

Überhaupt ist die Form, in der uns das Medium gegenübertritt, gediegen und attraktiv. Keller betont, das Hörbuch sei genauso HÖRbuch wie HörBUCH. Tatsächlich ist es beides. Nicht die übliche Aufmachung für solche Projekte (Schuber, CD mit Plastikhülle, Booklet), sondern eine genuine Buchgestaltung mit 160 Seiten Text und einem Bildteil tritt dem Hörer und Leser entgegen, darin drei CDs in jeweils einer Papierhülle. Das Hörbuch ist dabei ein kleiner Schatz, dem man sich auf verschiedene Arten nähern kann: konventionell-bildungsbürgerlich, indem man das einführenden Buch mit Bildteil, Anmerkungen usw. als Einführung in Leben und Werk Seuses liest. Oder zuerst als Hörspiel, das hineinzieht in die Welt eines sprachgewaltigen spätmittelalterlichen Mystikers (über den man wiederum gerne mehr lesen möchte).

Spätestens beim Lauschen auf Stimmen, Geräusche und Erzählungen wird klar: Ein Teil der Welt Seuses ist uns fremd. Es sind uns die Dämonen-, Höllen- und Gerichtsangst, die als typische Spätmittelalter-Phänomene gut bekannt sind, kurioserweise vertrauter als die leichten und als schön empfundenen Seiten spätmittelalterlicher Frömmigkeit. Der Mönch, von dem Seuses Vita berichtet, begegnet geistigen Wesen. Er sieht sie, umarmt sie, tanzt mit ihnen. Damit holt er sie aber nicht auf die Erde. Es sind eher die irdischen Wahrnehmungen und Handlungen, die bloße Zeichen sind, Zeichen für höhere Welten, die realer sind als der Alltag. Der Kern des mystischen Weges führt über notwendige Bilder jenseits aller Bildhaftigkeit. „Wie kan man bildlos gebilden und wiselos bewisen, daz úber alle sinne und úber menschlich vernunft ist?“ So hört man Seuse fragen. Und ihn antworten, nur mit Bildern können Bilder überwunden werden. Bilder für das Bildlose zu finden, diesem Anliegen Seuses, kann beim Hören nachgesonnen werden. In Textteil des Hörbuchs heißt es zu Beginn, Seuse hätte sich über die Erfindung von Hörbüchern gefreut. Über dieses Exemplar mit Sicherheit.


J. Bockmann, Kiel



Besprechung im Christ in der Gegenwart 52/2007 (Gotthard Fuchs)
Besprechung im Südkurier, 8. März 2008 (Helmut Weidhase)
Besprechung im Winterthurer Landboten, 14. Dezember 2007 (Helmut Dworschak)
Besprechung in der NZZ am Sonntag, 27. April 2008 (Sabina Meier)
Besprechung in der MZ 38/2008 (Marco Guetg)
Radio-Besprechung (mp3) in DRS2aktuell, 21. Dezember 2007 (Bernard Senn)
Radiofeuilleton (mp3) im Deutschlandradio, 21. März 2008 (Thomas Kroll)
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