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altgermanistischer Forschungsprojekte


Name: Dr. Christa Tuczay
Institut: Univ. Wien
eMail: christa.tuczay@oeaw.ac.at
Thema: Ekstase im Kontext. Mittelalterliche und neuere Diskurse einer Entgrenzungserfahrung.
Status: Habil
Abschluß: abgeschlossen
Info:

Ekstase ist eine nicht nur in allen Phasen der europäischen Geschichte bis zur Gegenwart, sondern auch in den außereuropäischen Kulturen vielfach belegte Erscheinung. Neuzeitliche Wissenschaften wie Anthropologie Religionswissenschaften, experimentellen Psychologie und der Parapsychologie haben das Phänomen mit der je eigenen Methode zu ergründen gesucht, doch war es bereits Spekulationsfeld der mittelalterlichen Wissenschaften.
Die Encyclopedia of Religion definiert Ekstase als ein mystisches Erlebnis der Geistbesessenheit. (Spirit possession). Die Besessenheit kann durch ein Geistwesen (Dämon) aber auch durch (einen) Gott geschehen. Körperlich manifestiert sich die Ekstase durch völligen Verlust der sensorischen Wahrnehmung der Umwelt und kataleptische Erstarrung des Körpers.
Das erklärt, warum Ekstatiker von bei diesen Zuständen anwesenden Personen für tot gehalten bzw. ihr Zustand als Scheintod beschrieben worden ist. Sie selbst empfinden diese Erlebnisse als Trennung der Seele vom Leib, die sich durch irdische und außerirdische Räume bewegt, ehe sie wieder in den Leib eintritt. Die Thanatologie hat in jüngster Zeit zahlreiche solcher Erlebnisse Scheintoter aufgezeichnet. Viele Texte der mittelalterlichen Visionsliteratur basieren auf Sterbeerfahrungen.
Eine Ekstase kann aber auch in einer milderen, nicht unmittelbar in Todesnähe erlebten Form auftreten, die der hypnotischen bzw. autosuggestiven Trance nahesteht. Hierher gehören auch die durch Drogen herbeigeführten Hexentrancen.
Das frühe Christentum bei Paulus trägt noch durchaus ekstaseablehnende Züge, wiewohl er selbst ekstatische Zustände erlebte, doch schildert er die Erlebnisse eines ihm bekannten Ekstatikers in seinem Korintherbrief:
Die hohe Stellung der ekstatischen Vision im Kontext des christlichen Mittelalters resultiert u.a. aus den dem Einfluß der arabischen Traditionen bzw. des alttestamentlichen Judentum, der Philosophie des Neoplatonismus, basiert aber auch auf griechisch-römischen, germanischen und keltischen Überlieferungen.
Der häufige Empfang von Visionen und deren begleitende ekstatische Zustände gehörte zu den Merkmalen der mystischen Heiligen. Schriftliche Zeugnisse finden sich in den Schriften der Mystiker und deren Biographen, sowie in den Protokollen über die Machenschaften der unheiligen Frauen, der Hexen.
Solche "Entrückung" oder "Entraffung", eine Enthebung aus der ichgebundenen Wirklichkeit, blieb für das Christentum bis in die Neuzeit eine akzeptierte Form der Wahrheitserkenntnis.Ein wesentlicher Teil der Offenbarungen, den die Mystikerinnen, aber auch die Zauberfrauen empfingen, bestand aus Enthüllungen zukünftiger Ereignisse. Deshalb sollen außerdem jene Divinationsspraktiken, die offenbar mit autosuggestiven Trancetechniken gearbeitet haben, untersucht werden. Weiters geben Belege in den Chroniken u. a. Zeitzeugnissen, Aufschluß über ekstatische Massenphänomene wie Besessenheitsepidemien und Tanzwut.
Ekstatische Visionen und Prophezeiungen, im Hochmittelalter noch als wertvollere Geschichtsquelle bevorzugt und ernst genommen, fanden in der um politische Suprematie kämpfenden Kirche des Spätmittelalters wenig Widerhall, in Bezug auf die Hexen entschiedenen Widerstand. Die Ablehnung der Ekstase war also nicht erkenntnistheoretisch, sondern von politischen und religiösen Erwägungen her begründet.
Ekstatische Zustände im nichtchristlichen Kontext präsentieren die altisländischen Quellen. Die Funktion der dort beschriebenen Ekstasen (Sejd und spezielle Kampfekstase der Berserker) scheint sich von der mystischen und der Hexentrance in mehreren Punkten zu unterscheiden. Auffällig erscheint, daß es sich bei diesen Ekstasezuständen um angestrebte Fähigkeiten mit regelrechten Trancetechniken gehandelt haben könnte.
Bei den mystischen Quellen sind schon bedeutende Vorarbeiten durch Peter Dinzelbachers Fachpublikationen vorgelegt worden. Da das Korpus der Offenbarungsliteratur aber nicht zur Gänze ausgeschöpft ist, mußte noch vieles offen bleiben. In Bezug auf die Hexenliteratur ist zu sagen, daß zwar unzählige Veröffentlichungen erschienen sind, die sich aber mit den Ekstase der Nachtfahrerinnen nur marginal auseinandergesetzt haben. Das gilt ebenso für die altnordischen Quellen, welche die Forschung bzgl. der Trancephänomene nur wenig interessiert hat.
Über Besessenheitsfälle im Mittelalter existiert bis jetzt keine Einzeluntersuchung, lediglich vereinzelte ältere Studien ordnen das Phänomen in eine globale Studie ein. Der Tanzwut waren in rezenter Zeit kleinere Untersuchungen gewidmet.
Die Frage nach der Erlebnis- und Vorstellungwelt des mittelalterlichen Ekstatikers ist identisch mit der Frage: gibt oder gab es einen Typus des Ekstatikers?
Ziel der geplanten Habilitationsschrift ist es anhand der beschriebenen Quellenuntersuchung eine Typologie und Phänomenologie des mittelalterlichen Ekstatikers zu erstellen.

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