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altgermanistischer Forschungsprojekte


Name: Lea Kohlmeyer
Institut: Univ. Münster
eMail: leko@uni-muenster.de
Thema: Mechthild von Magdeburg – Mystikerin und Autorin. Die Konzeption und Darstellung der menschlichen Seele im „Fließenden Licht der Gottheit“
Status: Diss
Abschluß: 2009
Info:

Grundlage für das Vorhaben sollen die im Rahmen meiner Magisterarbeit gewonnenen Ergebnisse einer Untersuchung des Verhältnisses von Seele und Leib im "Fließenden Licht der Gottheit" Mechthilds von Magdeburg sein. Bei deren Darstellung im Werk der deutschen Mystikerin ist zwischen der Seele als dem immateriellen Teil des Menschen und zwischen der Seele als Gesprächspartnerin Gottes bzw. als sprechendem Ich zu unterscheiden. Nachdem die Seele in der vorausgegangenen Untersuchung in ihrer Funktion als "Lebensfunke" dargestellt wurde, soll nun ihre Rolle als Erlebende und Erzählende betrachtet werden. In der Funktion des Sprecher-Ichs stellt sie - als personifiziertes Abstraktum - eine wichtige Größe im gesamten Werk Mechthilds dar.

Ziel des Projekts über eine genaue Analyse ausgewählter Textstellen hinaus ist auch die Beantwortung der Frage, ob sich dieses erlebende und sprechende Ich im "Fließenden Licht", das - so wird vermutet - nicht mit der immateriellen Seele identisch ist, näher bestimmen lässt. Mechthilds erzählendes Ich kann in die Nähe der Autorin gerückt werden, es haben zumindest Spuren der Autorinnenbiographie Eingang in die Gestaltung des sprechenden Ichs gefunden. Ob eine (vollständige) Identifizierung des Sprecher-Ichs in seinem Ringen mit den Herausforderungen des geistlichen Lebens mit der Person Mechthild vorgenommen werden kann, soll untersucht werden.

Ohne genauere Analyse bleibt die Seele des "Fließenden Lichts" in ihrer Rolle als Sprecher-Ich jedoch lediglich in die Nähe der Person Mechthilds bzw. der Autorin des Werkes gerückt; die Untersuchung der Position des Ichs in Mechthilds Werk und die Bestimmung seiner verschiedenen Rollen werden Teil meines Arbeitsvorhabens sein.

Eine Gleichsetzung von Ich-Erzählerin, Autorin und der Person Mechthilds von Magdeburg wäre ungeprüft voreilig; dennoch liegt die Vermutung einer Verschränkung von erzählendem Ich und Autorinnenperson im Werk Mechthilds nahe. Grundlage dafür, dass der Rezipient des "Fließenden Lichts" überhaupt geneigt ist, das Sprecher-Ich mit der Autorin oder der Person Mechthilds zu identifizieren und es damit auch als ein Vehikel ihrer Selbstmitteilung zu charakterisieren, bilden die - wenngleich bescheidenen - Kenntnisse über das Leben Mechthilds; das Wissen darüber, dass die Autorin des "Fließenden Lichts" selbst ein geistliches Lebenskonzept mit all seinen Herausforderungen gewählt hat, und noch mehr die Tatsache, dass es sich bei Mechthild von Magdeburg um eine mystisch begabte Frau handelt, bergen die Gefahr, ihre tatsächlichen religiösen Erlebnisse und deren literarische Umsetzung ungeprüft miteinander verschmelzen zu lassen.

Der Eindruck eines nur geringen Unterschiedes zwischen den Erlebnissen, die der realen Person Mechthild von Magdeburg zuteil wurden, und jenen im "Fließenden Licht" dargestellten Gotteserfahrungen, unio-Erlebnissen und Visionen ist begründet in Mechthilds Konzeption des Gesamtwerkes. An mehreren Stellen bezeichnet sie sich als "Ko-Autorin" Gottes, der Prolog des "Fließenden Lichts" betont, dass das "buoch" einer "swester" von Gott offenbart worden sei. Die Autorin wird damit zum "Sprachrohr" Gottes, und dennoch erhält Mechthild die Freiheit der sprachlichen Gestaltung, kann bei der Verschriftlichung der göttlichen Offenbarung ihr Talent entfalten. Als Autorin befindet sich Mechthild in einem Spannungsfeld zwischen persönlichem religiösen Erleben und der Aufgabe, welche der göttliche Befehl zur Niederschrift ihrer Erfahrungen für sie darstellt.

Auch innerhalb der großen Gruppe frauenmystischer Texte stellt das "Fließende Licht" ein außergewöhnliches Werk dar. Und nicht zuletzt Mechthilds Abweichungen von gängigen Erzählkonzepten tragen zu diesem Eindruck bei. Als geistlich lebende Frau, als Mystikerin, der sich Gott unmittelbar zuwendet, als Autorin, die das von Gott offenbarte Wort in menschliche Sprache umzusetzen versucht, sind an Mechthild vielfältige Herausforderungen gestellt: Der Text, der mit dem "Fließenden Licht" vorliegt, stellt das Ergebnis eines Dreischritts dar, der aus dem Erfahren und Erleben, aus der Reflexion dieser Erlebnisse und aus der anschließenden literarischen Extrapolation besteht.

Mechthild schreibt aus dem Bewusstsein heraus, das Wort Gottes mitteilen zu dürfen, zu müssen, und auch ihre Vorstellung von der Seele und deren sprachliche Präsentation sind demnach mitgeprägt von der Erfahrung, die sie als Mystikerin gewonnen hat. In diesen Bereich sprachlicher und literarischer Darstellung gehört auch Mechthilds Erzählerkonzept mit der personifizierten Seele als Gesprächspartnerin Gottes, dem erlebenden Ich als dem "Du" Gottes, mit dem sprechenden Ich, das anscheinend mit der Autorin selbst zu identifizieren ist, und mit einer unpersönlichen, nicht näher in Erscheinung tretenden Erzählerfigur.

Der Versuch, das Autorinnenbewusstsein Mechthilds und das im "Fließenden Licht" entfaltete Erzählerkonzept herauszuarbeiten, soll und kann keinesfalls einen Ersatz für eine (wünschenswerte) Aufarbeitung der Lebensumstände Mechthilds und damit der Entstehungsbedingungen ihres Werkes darstellen. Für die Erhellung der gegenwärtig nur vage erkennbaren und lediglich in Ansätzen greifbaren Kontur von Mechthilds Autorschaft und ihrer Rolle als Verfasserin des "Fließenden Lichts" kann der von mir geplante Ansatz jedoch fruchtbar sein.

Mechthild von Magdeburg hat mit dem "Fließenden Licht" einen mystischen Text von besonderer Qualität verfasst und damit offensichtlich einen Weg gefunden, um Erlebnisse aus dem göttlichen im irdischen Bereich darzustellen. Die Grundlage für ihr Werk bildet demnach das persönliche Erleben der Mystikerin Mechthild, das von der Autorin Mechthild in einem literarischen Text dargestellt wird. Und genau diese Umsetzung von Erfahrung in ein Medium im Allgemeinen und im Hinblick auf einen (literarischen) Text in das Medium der Sprache im Besonderen lässt ein Spannungsfeld entstehen. Denn die Nähe zu Gott, die Visionen, die unio-Erfahrung sind unmittelbare Erfahrungen, die sprachlich immer nur mittelbar wiedergegeben werden können. Diese Unsagbarkeit des Erlebten stellt die eigentliche Herausforderung für Mechthild als Autorin dar. Das Bewusstsein um die Grenzen der Sprache und die Unaussprechbarkeit des mystischen Erlebnisses besitzt Mechthild ebenso wie viele andere Mystiker, als deren letztes Ausdrucksmittel entsprechend das sanctum silentium gilt. Das Schweigen und Schweigenmüssen im Angesicht Gottes, das Unvermögen, die Erfahrungen mit Gott überhaupt und in angemessener Weise wiedergeben zu können, betont Mechthild im dritten Kapitel des II. Buches: "Nu gebristet mir túsches, des latines kann ich nit […]." Die Autorin gibt an, auf keine Sprache zurückgreifen zu können, um das Erlebte adäquat darzustellen. Dieses Ringen in einem Spannungsfeld zwischen dem Schreibenwollen und Schreibenmüssen auf der einen und dem Nichtbeschreibenkönnen auf der anderen Seite setzt die kreativen literarischen Fähigkeiten der Autorin frei. Das Schreiben in der Volkssprache bietet andere und neue Möglichkeiten, das eigentlich Unsagbare der mystischen Erfahrung - wenn auch niemals vollständig - auszusprechen. Aus der Sicherheit ihrer muttersprachlichen Kompetenz heraus verwendet Mechthild die Sprache experimentell, um den sprachlichen "Notstand" zu überwinden und dem ineffabile letztlich doch weitgehend sprachlich gerecht werden zu können.

Dem Rezipienten begegnet im "Fließenden Licht" eine erstaunliche Unmittelbarkeit des Sprechens. In Mechthilds Werk dominiert das Moment der Erfahrung, und es gelingt der Autorin, das Erlebte so zu vermitteln, dass der Eindruck und die Faszination unmittelbarer Erfahrung entstehen. Dennoch bleibt die Sprache des "Fließenden Lichts" eine Grenzsprache, ein intensives, kreatives Bemühen um die Substitution des Schweigens.

Die sprachliche und stilistisch-formale Darstellung ist als wichtiger Aspekt in die Betrachtung des sprechenden Ichs bzw. der menschlichen Seele in ihrer besonderen Rolle im "Fließenden Licht" einzubeziehen, denn das Thema der Sprache an sich, die Schwierigkeit der nur mittelbaren sprachlichen Wiedergabe unmittelbarer religiöser Erfahrung, die Unsagbarkeit des Erlebten sind wichtige Aspekte für Mechthild von Magdeburg. Entsprechend soll auch die formale Gestaltung der auszuwählenden Textstellen untersucht und beschrieben werden, um etwa mögliche sprachlich-stilistische Unterschiede sowie das Verhältnis von Form und Inhalt in Mechthilds Darstellung der menschlichen Seele herauszuarbeiten.

In den Bereich sprachlicher und literarischer Darstellung gehört auch Mechthilds Erzählerkonzept mit der personifizierten Seele als Gesprächspartnerin Gottes, dem erlebenden Ich als dem "Du" Gottes, mit dem sprechenden Ich und mit einer unpersönlichen, nicht näher in Erscheinung tretenden Erzählerfigur.

Für die Beantwortung der Frage nach diesem Ich und seinen Bedeutungen und Facetten in Mechthilds Werk ist die Erweiterung des Betrachtungsfeldes sinnvoll. So soll der Aspekt der Subjektivität hinzugezogen werden: Religiöses Erleben ist persönlich und subjektiv, und so ist diese Kategorie im Hinblick auf die mystischen Erfahrungen Mechthilds, auf deren Umsetzung in einen literarischen Text durch die Autorin des "Fließenden Lichts" und auf das Konzept eines scheinbar über persönliche Erlebnisse berichtenden Erzähler-Ichs relevant. In diesem Zusammenhang soll vor allem versucht werden, das Selbstverständnis Mechthilds als Autorin herauszuarbeiten.

Eine weitere zu betrachtende Kategorie beim Versuch, das Autorinnenbewusstsein Mechthilds und das im "Fließenden Licht" entfaltete Erzählerkonzept herauszuarbeiten, ist diejenige der Individualität bzw. der Personalität, die eng mit den Themen "Verfasserbewusstsein" und "Autorschaft" verbunden ist.

Betrachtet man Mechthilds Werk als "geistliche Biographie", als das in Literatursprache umgesetzte Zeugnis eines religiösen und mystisch begnadeten Lebens, so ist auch der Komplex des autobiographischen Schreibens mit seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten hinzuzuziehen. Die Untersuchung der Fragestellung wird aus der Perspektive der germanistischen Mediävistik vorgenommen; der methodische Zugang wird hier ein rein philologischer, textimmanenter sein, der sich an der Terminologie des "Fließenden Lichts" orientiert.

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