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altgermanistischer Forschungsprojekte


Name: Elmar Willemsen
Institut: Univ. Aachen
eMail: elmar.willemsen@web.de
Thema: Walther von der Vogelweide. Untersuchungen zur Varianz in der Liedüberlieferung
Status: Diss
Abschluß: abgeschlossen
Info:

In der Dissertation werden Varianzphänomene in der Liedüberlieferung Walthers von der Vogelweide untersucht. Auf den ersten Blick mag es verwunderlich erscheinen, dass erneut Texte zum Gegenstand einer längeren wissenschaftlichen Arbeit gemacht werden, die vermeintlich längst gut bekannt sind. Immerhin blickt die Walther-Philologie auf eine fast zweihundertjährige Geschichte zurück. Doch in den letzten Jahrzehnten haben sich die Grundüberzeugungen und Zielvorstellungen der Altgermanistik auf vielfältige Weise verändert. Auswirkungen dieses Wandels betreffen auch die Walther-Forschung.

Im Zentrum der Dissertation steht die ‚Varianz'. Als Phänomen (nicht als literaturwissenschaft-licher Begriff) ist dieselbe der Walther-Philologie immer schon bekannt gewesen. Man versteht darunter ‚Abweichungen' zwischen als ‚identisch' gesetzten Texten in unterschiedlichen Hand-schriften. So sind zahlreiche Lieder Walthers mehrfach überliefert, und die Abweichungen zwischen den verschiedenen Fassungen reichen von einfachen Textvarianten, die oft ohne semantische Konsequenzen bleiben, bis zu komplexen Umstellungen der Strophenfolge, die mitunter erhebliche Auswirkungen auf den Sinn des Liedes haben. Forscher vergangener Epochen sahen in diesen Abweichungen ‚Fehler' von unwissenden Schreibern und trachteten danach, dieselben zu eliminieren und mittels ausgeklügelter textkritischer Methoden einen Archetyp zu ‚rekonstruieren'. Heute hingegen sieht man Varianz als ein wesentliches Kennzeichen der mittelalterlichen Textüberlieferung an und bemüht sich darum, sie in Editionen angemessen wiederzugeben. Ankündigungen in Projektberichten lassen erwarten, dass in den für die nächsten Jahre geplanten Walther-Ausgaben verstärkt auf die synoptische Wiedergabe verschiedener Liedfassungen zurückgegriffen werden wird. Diese Entwicklung lässt es notwendig erscheinen, die in der Walther-Überlieferung auftretende Varianz genau zu untersuchen. Der Aufbau der vorgelegten Dissertation trägt diesen Erfordernissen des aktuellen Forschungsdiskurses Rechnung. Die Arbeit ist in drei Hauptabschnitte unterteilt.

I. Im Abschnitt "Theoretische Grundlagen" werden die Entwicklung der Walther-Philologie und ihr Umgang mit Varianzphänomenen skizziert. Im Anschluss an den historischen Überblick werden ausgewählte aktuelle Forschungsansätze vorgestellt. In Auseinandersetzung mit diesen werden die Ziele der vorgelegten Dissertation erarbeitet. Es wird begründet, weshalb insbesondere die Strophenvarianz zum wesentlichen Untersuchungsgegenstand wird.

II. Der Abschnitt "Untersuchungen" bildet den Kern der Arbeit. Zunächst wird eine Analy-se der Quantitäten und Qualitäten von Strophenvarianz erstellt. Dabei kann gezeigt werden, dass sich Varianz und Konstanz in der Liedüberlieferung Walthers die Waage halten. In Verbindung mit der Beobachtung, dass Strophenvarianz oft zu inhaltlich bedeutsamen Verschiebungen der Aussage führt, kann bereits aus der statistischen Ana-lyse heraus begründet werden, dass Strophenvarianzphänomene in erster Linie wohl nicht auf ‚Fehler' zurückzuführen sind. Unter Rückgriff auf die Ergebnisse der Analyse werden Kriterien zur Auswahl von mehrfach überlieferten Liedern erarbeitet, die in besonderem Maße exemplarisch für Varianzphänomene sind. Die einzelnen Fassungen dieser Lieder werden mithilfe von Faksimiles der Handschriften für die Arbeit neu ediert und zunächst immanent interpretiert und miteinander verglichen. Eine wesentliche Leitfrage bei der Interpretation ist die nach dem von der jeweiligen Fassung evozierten Walther-Bild.

III. Der Abschnitt "Folgerungen" wertet die Ergebnisse der einzelnen Untersuchungen im Hinblick auf weiterführende Fragestellungen aus. Als Fazit der Arbeit kann festgehalten werden, dass Strophenvarianz zu erheblichen inhaltlichen Verschiebungen führt und deutliche Auswirkungen auf die von den Texten evozierten Walther-Bilder hat. Insbesondere der Umgang mit Gattungsinterferenz, die Selbstinszenierung des ‚Ich' und die Ausprägung von Performanzelementen divergieren bei den Fassungen erheblich. Obwohl verschiedene Handschriften z. T. deutliche Bearbeitungstendenzen aufweisen, lassen sich doch keine völlig einheitlichen Walther-Bilder in einzelnen Handschriften konturieren. Varianzphänomene haben offenkundig eine komplexe Genese, die sich monokausalen Erklärungen entzieht.

In einem Begleitband finden sich zahlreiche Dokumentationen, die sich auf die Basismaterialien für die Untersuchung beziehen. Sie versetzen den Leser der Dissertation in die Lage, bestimmte, z. T. sehr detailorientierte Argumentationen besser nachvollziehen zu können.

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