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Ekstase ist eine nicht
nur in allen Phasen der europäischen Geschichte bis zur Gegenwart, sondern auch
in den außereuropäischen Kulturen vielfach belegte Erscheinung. Neuzeitliche Wissenschaften
wie Anthropologie Religionswissenschaften, experimentellen Psychologie und der
Parapsychologie haben das Phänomen mit der je eigenen Methode zu ergründen gesucht,
doch war es bereits Spekulationsfeld der mittelalterlichen Wissenschaften.
Die Encyclopedia of Religion definiert Ekstase als ein mystisches Erlebnis der
Geistbesessenheit. (Spirit possession). Die Besessenheit kann durch ein Geistwesen
(Dämon) aber auch durch (einen) Gott geschehen. Körperlich manifestiert sich die
Ekstase durch völligen Verlust der sensorischen Wahrnehmung der Umwelt und kataleptische
Erstarrung des Körpers.
Das erklärt, warum Ekstatiker von bei diesen Zuständen anwesenden Personen für
tot gehalten bzw. ihr Zustand als Scheintod beschrieben worden ist. Sie selbst
empfinden diese Erlebnisse als Trennung der Seele vom Leib, die sich durch irdische
und außerirdische Räume bewegt, ehe sie wieder in den Leib eintritt. Die Thanatologie
hat in jüngster Zeit zahlreiche solcher Erlebnisse Scheintoter aufgezeichnet.
Viele Texte der mittelalterlichen Visionsliteratur basieren auf Sterbeerfahrungen.
Eine Ekstase kann aber auch in einer milderen, nicht unmittelbar in Todesnähe
erlebten Form auftreten, die der hypnotischen bzw. autosuggestiven Trance nahesteht.
Hierher gehören auch die durch Drogen herbeigeführten Hexentrancen.
Das frühe Christentum bei Paulus trägt noch durchaus ekstaseablehnende Züge, wiewohl
er selbst ekstatische Zustände erlebte, doch schildert er die Erlebnisse eines
ihm bekannten Ekstatikers in seinem Korintherbrief:
Die hohe Stellung der ekstatischen Vision im Kontext des christlichen Mittelalters
resultiert u.a. aus den dem Einfluß der arabischen Traditionen bzw. des alttestamentlichen
Judentum, der Philosophie des Neoplatonismus, basiert aber auch auf griechisch-römischen,
germanischen und keltischen Überlieferungen.
Der häufige Empfang von Visionen und deren begleitende ekstatische Zustände gehörte
zu den Merkmalen der mystischen Heiligen. Schriftliche Zeugnisse finden sich in
den Schriften der Mystiker und deren Biographen, sowie in den Protokollen über
die Machenschaften der unheiligen Frauen, der Hexen.
Solche "Entrückung" oder "Entraffung", eine Enthebung aus der ichgebundenen Wirklichkeit,
blieb für das Christentum bis in die Neuzeit eine akzeptierte Form der Wahrheitserkenntnis.Ein
wesentlicher Teil der Offenbarungen, den die Mystikerinnen, aber auch die Zauberfrauen
empfingen, bestand aus Enthüllungen zukünftiger Ereignisse. Deshalb sollen außerdem
jene Divinationsspraktiken, die offenbar mit autosuggestiven Trancetechniken gearbeitet
haben, untersucht werden. Weiters geben Belege in den Chroniken u. a. Zeitzeugnissen,
Aufschluß über ekstatische Massenphänomene wie Besessenheitsepidemien und Tanzwut.
Ekstatische Visionen und Prophezeiungen, im Hochmittelalter noch als wertvollere
Geschichtsquelle bevorzugt und ernst genommen, fanden in der um politische Suprematie
kämpfenden Kirche des Spätmittelalters wenig Widerhall, in Bezug auf die Hexen
entschiedenen Widerstand. Die Ablehnung der Ekstase war also nicht erkenntnistheoretisch,
sondern von politischen und religiösen Erwägungen her begründet.
Ekstatische Zustände im nichtchristlichen Kontext präsentieren die altisländischen
Quellen. Die Funktion der dort beschriebenen Ekstasen (Sejd und spezielle Kampfekstase
der Berserker) scheint sich von der mystischen und der Hexentrance in mehreren
Punkten zu unterscheiden. Auffällig erscheint, daß es sich bei diesen Ekstasezuständen
um angestrebte Fähigkeiten mit regelrechten Trancetechniken gehandelt haben könnte.
Bei den mystischen Quellen sind schon bedeutende Vorarbeiten durch Peter Dinzelbachers
Fachpublikationen vorgelegt worden. Da das Korpus der Offenbarungsliteratur aber
nicht zur Gänze ausgeschöpft ist, mußte noch vieles offen bleiben. In Bezug auf
die Hexenliteratur ist zu sagen, daß zwar unzählige Veröffentlichungen erschienen
sind, die sich aber mit den Ekstase der Nachtfahrerinnen nur marginal auseinandergesetzt
haben. Das gilt ebenso für die altnordischen Quellen, welche die Forschung bzgl.
der Trancephänomene nur wenig interessiert hat.
Über Besessenheitsfälle im Mittelalter existiert bis jetzt keine Einzeluntersuchung,
lediglich vereinzelte ältere Studien ordnen das Phänomen in eine globale Studie
ein. Der Tanzwut waren in rezenter Zeit kleinere Untersuchungen gewidmet.
Die Frage nach der Erlebnis- und Vorstellungwelt des mittelalterlichen Ekstatikers
ist identisch mit der Frage: gibt oder gab es einen Typus des Ekstatikers?
Ziel der geplanten Habilitationsschrift ist es anhand der beschriebenen Quellenuntersuchung
eine Typologie und Phänomenologie des mittelalterlichen Ekstatikers zu erstellen. |