| Info: |
Mittelalterliche Schriftlichkeit stützt sich medientechnisch fast ausschließlich
auf das Buch als Überlieferungsträger. Neben der codexförmigen Fixierung von Schrift
gibt es bekanntlich alternative Medien der Schrifttradierung, von Konzepten auf
Wachstafeln bis hin zu Inschriften auf Steinen. Das hier vorzustellende Forschungsprojekt
konzentriert sich auf den rotulus, also die aus einem oder mehreren aneinander
genähten Pergament- oder Papierstreifen bestehende Schriftrolle. Es zielt im Ganzen
auf eine umfassende Beschreibung und ein Erklärungsmodell für dieses Medium, schwerpunktmäßig
im deutschsprachigen Mittelalter. Das Projekt unternimmt damit den Versuch einer
Antwort auf die methodisch perspektivenreiche Frage nach dem spezifischen medienhistorischen
und kultursemantischen Ort der rotuli im Spannungsfeld mittelalterlicher Schriftlichkulturen.
Ausgangspunkt ist einer katalogartige Zusammenstellung aller überlieferten Schriftrollen
mit deutschsprachigen Glossen und Texten vom 10. bis zum 16. Jahrhundert (nach
derzeitigem Stand: ca. 45). Eine derartige, auf heuristisch verlässlicher Grundlage
angelegte Zusammenstellung existiert bislang nicht einmal in Ansätzen. Zu den
prominentesten Untersuchungsgegenständen gehören – neben anderem – das Osterspiel
von Muri (KBL, Ms. Mur F 31a), die Frankfurter Dirigierrolle (SUB, Ms. Barth.
178) sowie die Sangspruchrollen in Los Angeles (Univ. of California, Research
Libr., Ms. 170/575) und Basel (UB, Cod. N I 6 Nr. 50). Einige Leitfragen des Projektes
seien hier nur angedeutet: Welchen Status haben die mittelalterlichen Rollen im
Vergleich zu (in einigen Fällen parallelen) kodikalen Überlieferungsformen? Welchen
Ort könnten rotuli pragmatisch im Spannungsfeld von „Aufführung und Schrift“ besetzt
haben? In welchem spezifischen Verhältnis stehen die textuellen Entwürfe auf Rollen
zum Medium? Ein weiterer eigenständiger Arbeitsbereich des Projektes werden Schriftrollen
als exegetisches, literarisches und ikonographisches Motiv sein.
|