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Die Literatur ist in den vergangenen Jahren zu einem der vielschichtigsten
Quellenbereiche avanciert, auf den die historische Anthropologie in ihrem Bemühen
um eine Archäologie vergangener Verhaltensmuster und Vorstellungsinhalte zugreift.
Es ist jedoch nicht leicht zu rekonstruieren, welches allgemeine Menschenbild
und welches Verständnis von den psychologischen Abläufen im Menschen hinter mittelalterlichen
Darstellungen liegen und wie diese poetisch vermittelt werden. Das Projekt zielt
darauf, die diskursive Verschränkung mittelalterlicher Aussagen über den Menschen
und sein Inneres vom Zentrum eines literarischen Corpus her aufzuschlüsseln, die
Rezeption vorhandener Wissenspositionen sowie ihre produktive Fortschreibung im
volkssprachigen literarischen Medium zu identifizieren.
Im Mittelpunkt des Interesses steht dabei die Gattung des höfischen Romans,
in der die Kommentarstruktur der Exkurse als bevorzugter Ort für anthropologische
Überlegungen erscheint: Chrétiens de Troyes ›Yvain‹, Hartmanns von Aue ›Iwein‹
sowie der ›Tristan‹ Gottfrieds von Straßburg liefern Zeugnisse um die Wende vom
12. zum 13. Jh., der ›Reinfried von Braunschweig‹ und Johanns von Würzburg ›Wilhelm
von Österreich geben Auskunft über die folgende Jahrhundertwende. Das Corpus wird
durch weitere literarische Gattungen wie vor allem den Sangspruch oder allgemein
reflektierende Lieder des Minnesangs ergänzt, um zu analysieren, wie sich die
reflektierenden Passagen in einen allgemeinen, gattungsübergreifenden Diskurs
über den Mensch einschreiben. Da für jeden der fünf Romanautoren eine lateinische
Bildung vorauszusetzen ist, nimmt auch die Rezeption gelehrten Wissens eine wichtige
Rolle ein. Die von Autoren wie Wilhelm von St. Thierry oder Hugo von St. Viktor
im 12. Jh. begonnene und durch die Rezeption von Aristoteles’ ›De anima‹ und ›Physik‹
im 13. Jh. intensivierte Beschäftigung der Wissenschaft mit der Frage Quid est
homo? wird für das Verständnis der volkssprachigen literarischen Texte fruchtbar
gemacht. Der inhaltliche Zugriff auf die anthropologischen Reflexionen des höfischen
Romans wird ergänzt durch einen poetologischen: Es soll eine Poetik der Reflexion
formuliert werden, mit der die besondere Ästhetik, die durch das Zusammenspiel
von lehrhaft-wissenschaftlichen und poetisch-unterhaltenden Aspekten in den Reflexionen
entsteht, erschlossen werden kann.
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