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Tagungsberichte

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Tagungsberichte

‚Blutige Worte‘.

 Internationales und Interdisziplinäres Symposium zum Verhältnis von Sprache und Gewalt in Mittelalter und Früher Neuzeit.

[1.-3. September 2006]


Leitung: Jutta Eming, Claudia Jarzebowskia

Die Frage nach dem Zusammenhang von Sprache und Gewalt ist angesichts der alltäglichen medialen Präsenz von Gewaltszenarien jeder Art höchst aktuell und prekär. Dimensionen und Techniken von Gewalt sind seit Jahren auch ein zentraler Gegenstand wissenschaftlicher Auseinandersetzung, an der insbesondere die Berliner Forschungslandschaft in beeindruckender Fülle beteiligt ist. Während in den Geschichtswissenschaften mit der Abkehr von der Ereignisgeschichte und Hinwendung zu historisch-anthropologischen Ansätzen u. a. Fragen nach Wahrnehmung und Erfahrung von Gewalt in den Vordergrund gerückt sind,1 gilt das Interesse der Literaturwissenschaften nicht erst seit Judith Butlers Excitable Speech (1997)2 dem Status des Sprechens als (Gewalt-)Handlung.3 Diese beiden Aspekte inhaltlich, theoretisch und methodisch zusammenzuführen, war Ziel der von Jutta Eming und Claudia Jarzebowski konzipierten Veranstaltung ‚Blutige Worte‘ - Internationales und Interdisziplinäres Symposium zum Verhältnis von Sprache und Gewalt in Mittelalter und Früher Neuzeit, die, gefördert von der VW-Stiftung, vom 1.-3. September 2006 an der Freien Universität Berlin stattfand. Geschichts-und Literaturwissenschaftler/innen aus Deutschland, der Schweiz und den USA waren eingeladen, nach Wahrnehmungen, Inszenierungen und Funktionen von Gewalthandlungen-und rhetoriken in der Vormoderne zu fragen und dabei die Rolle von Sprache in Konfliktsituationen in den Blick zu nehmen. Mit dem theoretischen Ausgangspunkt der an Butler orientierten These, Sprache und Gewalt nicht als Gegensätze, sondern in Interrelationen zu denken und dem performativen Potential von Sprache aus historischer Perspektive Rechnung zu tragen, wurden im internationalen und interdisziplinären Dialog Praktiken, Kontexte und Schreibweisen sprachlicher und körperlicher Gewalt in Mittelalter und Früher Neuzeit fokussiert. So mehrdimensional der Zugriff auf eine solch‘ komplexe Fragestellung erfolgen muss, so unterschiedlich thematisierten die Beiträge verschiedene Ebenen sprachlicher Gewalt.

Einen Komplex bildete das Verhältnis von Gewalterfahrung und Gewaltdarstellung. Claudia Ulbrich (FU Berlin) thematisierte in ihrem Eröffnungsvortrag den ambivalenten Status dargestellter Schmerzerfahrung. Am Beispiel der zu Beginn des 17. Jh. von Michael Heberer verfassten Aegyptiaca Servitus, einem so genannten ‚Gefangenenbericht‘, fragte sie nach Strategien und Deutungsmöglichkeiten der Darstellung von Gewalt. So vermittle der Text nicht nur explizite und implizite Schilderungen von Gewalt, die ihn gleichzeitig als Überlebens- und Leidensbericht lesbar machen; auch seine Rezeptionsgeschichte verweise auf spezifische Funktionszusammenhänge, die sich nur in einer kontextgebundenen Analyse filtern lassen, welche die konkrete Schreib-und Rezeptionssituation einbeziehe. Mit der These, dass Gewalterfahrungen in (historischen) Texten unter anderem über das Verhältnis von Sprechen und Verschweigen kommuniziert würden, war die Notwendigkeit einer interdisziplinären Verständigung zwischen Geschichts-und Literaturwissenschaften unterstrichen.

Christine Vogel (Mainz) zeigte anhand der Text-und Bildproduktion französischer Calvinisten über Massaker im Zuge der Durchsetzung des Edikts von Nantes (Mitte des 16. bis Ende des 17. Jh.), wie Gewalterfahrungen mit Hilfe von Topoi aus Märtyrerberichten zu einer gewaltzentrierten Historiographie verdichtet wurden. Jutta Emings (FU Berlin) Überlegungen waren auf Funktionen und Praktiken religiöser Kommunikation gerichtet. Diese lassen sich, so der Ausgangspunkt ihres Beitrags zum spätmittelalterlichen Passionsspiel, nur über eine Differenzierung der Anteile sprachlicher, körperlicher und imaginierter Gewalt erschließen. Die Ausführungen zu Strategien und Funktionen der sprachlichen Konstitution des gewaltgezeichneten Christus-Körpers im Geistlichen Spiel schlossen demnach nicht nur mediale Interdependenzen ein (Ikonographie), sondern bezogen sich insbesondere auf die dialogisierende Inszenierung des Körpers durch Darstellung und durch Sprache. Die untersuchten spätmittelalterlichen Passionsspiele (Frankfurter und Alsfelder Passionsspiel) präsentierten - entgegen verbreiteter Auffassungen - nicht in erster Linie einen Konnex von Gewalt und Mitleid, der auf Nachvollzug angelegt ist, sondern transzendieren den leidenden Körper über die Sprache in einen heiligen Körper, der als überlegende Instanz der Schmerz-Erfahrung enthoben bleibt. Mit dieser paradoxen Darstellung der Figur des Christus würde der mimetische Vollzug gleichzeitig vorangetrieben und erschwert, was auf Probleme der Inszenierung des Körpers Christi und damit auf Grenzen der Repräsentation des Heiligen verweist. Ergänzt wurde die spielstrategische Argumentation in der Diskussion durch Hinweise auf divergierende Wahrnehmungsmuster des 14. Jh. und 16. Jh. und Anmerkungen zur Aufführungspraxis: Das Problem, „Jesus auf die Bühne zu bringen“, sei nicht nur als ästhetisches Problem zu fassen, vielmehr spielten soziohistorische Kontexte (z.B. Zensur, Theologie) eine wichtige Rolle (Valentin Groebner). Den Versuch einer pragmatischen Einbettung unternahm dagegen Sara S. Poor (Princeton University) mit einer Interpretation des mittelalterlichen Spielmannsepos Salman und Morolf (spätes 12. Jh.). Die darin erzählte Tötung und Häutung eines Juden verweise - so die These - vor dem Hintergrund der Kreuzzugskämpfe im Mittelmeerraum auf eine zeitgenössisch ambivalente Einstellung gegenüber Juden, die der Text u. a. über die Inszenierung von Komik bearbeite. Die gestellten Fragen boten Anlass zu einer weiterführenden Diskussion über Aspekte von Identität und Fremdheit, die im Kontext von Gewaltdarstellungen verhandelt werden. Antijudaismus als alleinigen Verstehenshorizont anzunehmen, lässt der Text, wie die Diskussion ergab, jedoch nicht zu. Auch Claudia Jarzebowski (FU Berlin) nahm die Anregung einer Vernetzung geschichts-und literaturwissenschaftlicher Fragestellungen auf. Sie schlug eine Lesart der Memoiren Wilhelmines von Bayreuth (1709-1758) vor, welche den performativen Charakter von Sprache im Problemfeld ‚Emotion und Gewalt‘ reflektiert. Diesem Ansatz zufolge lässt sich der Lebensbericht Wilhelmines als narrative Praktik lesen, die auf zwei Ebenen operiert: Zum einen werde Gewalt in Formen psychischer und physischer Misshandlung (wie Demütigungen, Essensentzug, Essenszwang, Schläge) als Willkürakt vornehmlich väterlicher Machtdemonstration beschrieben, die eine Unterscheidung zwischen psychisch-emotionaler und physischer Gewalt für die Frühe Neuzeit fragwürdig erscheinen lässt, u. a. weil Gewalt und Emotionen in einer Weise korrelieren. Zum anderen rekurriere die Darstellung von Gewalt zugleich auf eine agency der Autorin, welche über den Text das handlungsmächtige Potential von Sprache reflektiert und ihre Position im Gewaltgefüge schreibend retrospektiv neu bestimmen kann. So thematisierte der Vortrag auch Strategien der Legitimierung und De- Legitimierung von erzieherischer Gewalt am Hof Anfang und Mitte des 18. Jh., wobei eine zentrale Überlegung auf der Beobachtung beruhte, dass - ähnlich wie in Heberers Gefangenenbericht - Darstellungen von Gewalterlebnissen im Text weder eine Sonderrolle einnehmen, noch an Ausnahmesituationen gekoppelt scheinen.

Unter dem interessanten Aspekt der Eskalationsdynamiken zeigte Maren Lorenz (Hamburg) in einem Beitrag zu Gerichtsakten und Anzeigen bei Zivilbehörden in schwedischen Besatzungsgebieten Bremen-Verden und Schwedisch-Pommern zwischen ca. 1670-1720, dass diese sowohl in innermilitärischen Konflikten als auch in gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Militär und Zivilbevölkerung kennzeichnend für einen männlichen Gewalt-Habitus seien. Das Interesse des Beitrags war dabei auf die komplexen Funktionsmechanismen verbaler und physischer Gewalt gerichtet sowie auf das Verhältnis von Norm und Praxis im Zusammenhang mit Gewalthandlungen. Lorenz verwies insbesondere auf die Rolle der Akteure im Prozess gewalttätiger Auseinandersetzung, indem sie u. a. zeigte, wie konkrete Gewalterfahrung ritualisierte Konfliktmechanismen außer Kraft setzen kann. Die Quellen eröffnen den Blick auf Eskalationsmechanismen, in denen verbale Drohungen von Militärangehörigen nahezu ausnahmslos in physische Auseinandersetzungen mündeten und somit das symbolische Potential der verbalen Gewalthandlung zugunsten physisch-„realer“ Gewalttätigkeit überschritten wurde. Für diesen Zusammenhang seien fünf Aspekte grundlegend: die Inszenierung von Drohkulissen; Fehleinschätzungen der Gewaltabsicht; unterschiedliche Ritualisierungen; das Fehlen moralischer Kontrollinstanzen (Schamlosigkeit) und Herrschaftsverhältnisse, welche die Handlungsfähigkeit der Beteiligten regulieren. Ein Konnex von verbaler und physischer Gewalt wurde, wenngleich unter anderer Perspektive, auch von Harriet Rudolph (Trier) an Darstellungen von Gewaltverbrechen in frühneuzeitlichen Frühdrucken beschrieben.

Susanna Burghartz (Basel) hingegen erläuterte, wie Eskalationsmechanismen über sprachliche Mittel vorangetrieben werden können. Im Hintergrund stand die Überlegung, dass Dynamiken des Benennens und Verschweigens, wie sie in Texten präsentiert werden, immer auch auf gesellschaftliche Strukturen, Codes und Wertelogiken verweisen, die ihrerseits die Wirkung von Worten und ihren Gebrauch als Waffen bedingen, rahmen und strukturieren. Am Beispiel der Unzuchts-und Inzestvorwürfe, welche der Baseler Bürger und spätere kurfürstlich-brandenburgische Leibarzt Leonhard Thurneisser 1584 in einer so genannten ‚Schandschrift‘ gegen seine Frau Marina erhob, ging Burghartz auf entsprechende textuelle Inszenierungsstrategien ein. Damit kontrastierte sie in einem zweiten Schritt die Wirkung, die der 600-seitige Text erreichte. Denn der Fall Thurneissers dokumentiert gerade den gescheiterten Versuch, eine Frau über sprachliche Diskreditierung sozial herabzusetzen. Damit wurde eine Arbeitshypothese der Tagung unterstrichen, der zufolge Sprache und Gewalt weder in einem explizit mimetischen, noch in einem vollständig arbiträren Verhältnis zueinander stehen und historisch unterschiedliche Logiken des Zusammenspiels entfalten. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam Bettina Noak (FU Berlin). Ihr Beitrag gab als einziger einen Einblick in nicht-deutsche Literaturen. Sie behandelte die Rolle von Eid-Kulturen im Werk des Autors Joost van den Vondel (1587-1679), des wichtigsten niederländischen Dramatikers des Barock-Zeitalters. Sie führte in diesem Zusammenhang vor, wie „Worte Schiffbruch erleiden“, wenn sich Rede als Herrschaftsinstrument gegen den Sprechenden selbst richtet. Sprachliche Gewalt lasse sich demzufolge - so in der anschließenden Diskussion noch einmal Susanna Burghartz - dahingehend charakterisieren, dass sie keine eindeutigen Effekte garantieren könne, so dass Wirkungspotentiale sprachlicher Gewalt immer abhängig sind von konkreten Konfliktsituationen und gesellschaftlichen Kontexten. Sprach-Gewalt als Element sozialer Dynamiken war auch der Kernpunkt des Vortrags von Tom Robisheaux (Duke University). Er zeichnete nach, wie im süddeutschen Langenburg in den 1670er Jahren im Zusammenhang mit Ehrkonflikten ein Klima der Gewalt entstehen konnte, welches den Kontext für Hexenprozesse unter anderem gegen die Familie Schmieg bildete, in deren Folge es 1672 zur Exekution von Anna Schmieg kam. Verbale und physische Gewalthandlungen seien - so lässt sich die Essenz auch dieses Vortrags zusammenfassen - immer in konkrete soziale und politische Kontexte eingebunden. Eine Denunziation als Hexe zeitigt ihre perlokutionären Wirkungen nicht per se, sondern im Klima einer schlechten sozialen ‚Reputation‘, die sich im Kontext von Konfliktdynamiken teils über Jahre entwickelt hat. Trotz vielschichtiger Ansätze wurde deutlich, dass Praktiken und Darstellungen von Gewalt gekoppelt sind an Prozesse sozialer Positionierung. Deren Strukturen lassen sich nicht allein über eine Reflexion auf die Ebenen verbaler und physischer Gewalt erfassen.

Ein Erkenntnisgewinn der interdisziplinären Arbeit lag somit darin, dass die Arbeit mit und am historischen Material einerseits die sprachliche Verfasstheit von Quellen-Texten und andererseits deren kontextuelle Bindung berücksichtigen muss. Unterschiede in der Arbeit von Historiker(inne)n und Literaturwissenschaftler(inne)n zeigten sich auch an den Vorträgen von Ralf Lützelschwab und Elke Koch. Der Konnex von verbaler und physischer Gewalt wurde von Ralf Lützelschwab (FU Berlin) am Beispiel der Legenda aurea (1270) aus etymologisch-historischer Perspektive untersucht. Elke Koch (FU Berlin) unterstrich hingegen, dass Gewaltdarstellungen nicht allein auf die Materialität des Körpers zielen, sondern auch auf die sprachliche Inszenierung selbst. Darauf verweisen auch die Märtyrerlegenden und -spiele über die heilige Katharina, in welchen die strukturelle Bedeutung von Drohungen als verletzende Worte sichtbar gemacht werden konnte. Die Kernthese des Beitrags besagte, dass Drohungen sich in ihrem Bezug zum Körper als oszillierend beschreiben lassen, indem sie zwar immer auf den Körper bezogen, jedoch noch nicht körperlich vollzogen seien. Da Drohungen „Schaltstellen“ zwischen Zeichen und Sache darstellen, eröffnen sie u. a. Zwischenräume für Transzendenz (im Passional) oder Anerkennung (im Spiel). Indem Koch in ihren Ausführungen Judith Butlers Theorie der Differenz zwischen sprachlicher und körperlicher Gewalt mit einer von Heinrich Popitz angeregten machtkritischen Perspektive verband,4 der zufolge Drohungen zugleich Mittel der Machtausübung darstellen, konnte sie Differenzen zwischen den verschiedenen Ebenen des Gewaltvollzugs charakterisieren: Gewalt werde als, über und durch Sprache repräsentiert, auch wenn ihr Bezugspunkt immer der Körper ist.

In einer anderen Weise als Drohungen bewegen sich Eskalationen im liminalen Feld von Sprechen und Handeln, was Werner Röcke (HU Berlin) in Bezug auf Heinrich Wittenwilers Ring (14./15. Jh.) zum Ausgangspunkt nahm, eine „Grammatik der Übergänge“ zu beschreiben. Literarische Texte, so der leitende Gedanke, haben das Potential, eben jeneÜberschreitungsvorgänge nicht nur zu benennen, sondern über ihre spezifischen Bewegungsgesetze auch durchsichtig zu machen. Während die Logik der Handlung über eine Technik der Eskalation nach dem Muster von spiegelbildlicher Drohung, Potenzierung derDrohung und Überführung in körperliche Gewalt entfaltet werde, markiere die Logik desErzählens einen Eskalationsmechanismus, dessen Zielpunkt die Überführung der Gewalt in Sprache und damit - in diesem Fall - deren Aufhebung in (aggressives) Gelächter ist. Das Verhältnis von Sprache und Gewalt thematisieren, wie Maria E. Müller (FU Berlin) analysierte, auch Mären des 13.-15. Jh. über Elemente der Komik. Müller nutzte Austins Kategorien zur Performativität von Sprechakten für eine Binnendifferenzierung einzelner Texte.5 Deren Logik kann zum Beispiel auf der offensichtlich gemachten Wirkungslosigkeit physischer Gewaltakte beruhen, was insbesondere Strickers Eingemauerte Frau illustriere. Physische Gewalt kann jedoch auch als ultima ratio in Konflikthandlungen eingesetzt sein. Gerade männlichen Figuren wird Gewalt hingegen auf Grund illokutionärer Sprechakte zugefügt. Nicht Eskalationen, sondern Möglichkeiten ihrer Regulierung besprach Sarah Westphal-Wihl (Rice University). Versromane des hohen Mittelalters präsentierten in einem „theatre of action“ Fehde, Gerichtsprozess und Mediation als unterschiedliche Modi der Konfliktlösung. Die Texte verweisen, indem sie Konflikte um Ehre als Konflikte um Frauen verhandeln, auf den performativen Charakter von Geschlecht - ein Aspekt, den sonst nur wenige Beiträge berücksichtigten.

Die sprach- und literaturtheoretischen Überlegungen Cornelia Herberichs‘ (Zürich) waren auf das performative Potential von Literatur selbst gerichtet. Unter Rückgriff auf Überlegungen Geoffrey Hartmanns>6 hob sie die Eigenlogik des literarischen Mediums und dessen wirklichkeitsreflektierenden und -verändernden Status hervor. Herborts von Fritzlar Liet von Troie (Anfang des 13. Jh.) bildete die Grundlage für ihre These, dass insbesondere Gewalt als anthropologisches Thema die Mehrdeutigkeit von Sprache herausfordere. Der Text demonstriere Gewalt als konstitutive Paradoxie, die in keine eindeutige Perspektive gebracht werden kann, und unterlaufe über die Ambiguisierung der Zeichen die Definitionsmacht von Sprache. Dies ließe sich nicht als ‚Spiel der Signifikanten‘, sondern als kulturelle Leistung von Literatur verstehen. Der Versuch, literarischen Texten über ihren selbstreferentiellen Charakter ein denormierendes Potential zuzuweisen, wurde kontrovers diskutiert. Ein solcher Ansatz entwerfe, so Werner Röcke, einen Gegensatz zwischen (institutioneller) Norm und (literarischer) Antinorm und unterschlage damit nicht nur das normkonstituierende Potential sprachlicher Inszenierung, sondern auch die Eigenarten spezifischer Textsorten. Nicht jeder literarische Text lasse sich als ‚Konterdiskurs‘ lesen, wie Martin Baisch zu bedenken gab. Wie eine sinnvolle Differenzierung literarischer und historischer Quellen getroffen werden kann, blieb eine offene Frage: Narrative Sinngebungstechniken unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Verfahren und Funktionen. Dass diese sich, wie Maren Lorenz vorschlug, nur über die Rekonstruktion der historischen Gebrauchsituation bestimmen lasse, wird den in den Vorträgen gebotenen vielschichtigen Perspektiven und Anregungen letztlich nicht gerecht.

Der Erfolg einer Tagung hängt auch immer davon ab, inwieweit die Teilnehmenden bereit sind, sich über Thematik, Begriffe und Methoden verständigen zu wollen, um so mehr, wenn sie in einem internationalen und interdisziplinären Rahmen stattfindet. In der von Bettina Lindorffer (FU Berlin) geleiteten Abschlussdiskussion ‚Interdisziplinäre Grenzen und Potentiale‘ wurde noch einmal das Dilemma deutlich, in welchem die Debatte zwischen Geschichts-und Literaturwissenschaften (immer noch) steckt. Ein Dialog, in dem auf Grund unterschiedlicher theoretischer und methodischer Prämissen alle über das Gleiche zu sprechen glauben, ohne immer dasselbe zu meinen, gestaltet sich schwierig.7 So bedarf es, wie Claudia Ulbrich einforderte, einer Konkretisierung der Begriffe ‚Sprache‘ und ‚Gewalt‘ und der Frage nach deren Konzeptualisierung nicht nur mit Hilfe moderner theoretischer Ansätze: Untersuchungen zu Bedeutungen und Funktionen von Gewalt in Texten sollten auch die Reflektion unterschiedlicher Verstehenshorizonte einbeziehen und für deren jeweilige Modifikationen offen sein. Es bedarf neben eines erweiterten Kontextbegriffes, nach dem historische Texte nicht allein als Dokumente außertextlicher Realitäten (miss-)verstanden, sondern ihr wirklichkeitskonstruierendes Potential wahrgenommen wird (Claudia Jarzebowski), auch eines systematischen Blickes auf das Problemfeld ‚Blutige Worte‘. Denn Sprache als Handlung und damit auch als kulturelle Praxis zu begreifen ist ein Ansatz, der nicht ohne die Analyse historisch und kulturell spezifischer Darstellungs-und Inszenierungsmuster auskommen kann. Die Tagung hat gezeigt, dass sich hierfür die Reflektion auf moderne Kulturtheorien als produktiv erweisen kann, insbesondere wenn - was David Sabean kritisch anmerkte - deren theoretische Prämissen am historischen Material nicht nur überprüft, sondern explizit daraus entwickelt werden. Die Fragestellung der Tagung hat nicht nur die Debatte zwischen den Disziplinen, sondern auch innerhalb der Disziplinen angeregt. Den Organisatorinnen und den Teilnehmenden des Symposiums ist dafür zu danken, die Kontoversen virulent gemacht, reflektiert und in eine produktive Diskussion überführt zu haben. Befördert wurde damit nicht nur die thematisch, sondern auch die methodisch zwingende Vernetzung, die weitere spannende Begegnungen und Auseinandersetzungen erwarten l&aauml;sst.

Franziska Ziep (FU Berlin)


1 Vgl. Claudia Ulbrich/Claudia Jarzebowski/Michaela Hohkamp (Hg.): Gewalt in der Frühen Neuzeit. Beiträge zur 5. Tagung der Arbeitsgemeinschaft Frühe Neuzeit im VHD. Berlin 2005.

2 Judith Butler: Hass spricht. Zur Politik des Performativen. Berlin 1998 [1997].

3 Vgl. hierzu unter anderem die diesjährige Jahrestagung des Sfb ‚Kulturen des Performativen‘: Gewalt durch Sprache - Rhetoriken verletzenden Sprechens (FU Berlin, 9.11.-11.11. 2006).

4 Heinrich Popitz: Phänomene der Macht. Tübingen 21992.

5 John L. Austin: Zur Theorie der Sprechakte. Dt. Bearbeitung von Eike von Savigny. 2. bibliographisch ergänzte Auflage, Stuttgart 2000.

6 Geoffrey Hartmann: Worte und Wunden. In: Texte und Lektüren. Perspektiven in der Literaturwissenschaft. Hg. von Aleida Assmann. Frankfurt a. M. 1996, S. 105-141. Vgl. auch ders.: Das beredte Schweigen der Literatur. Über das Unbehagen an der Kultur. Frankfurt a. M. 2000 [1997].

7 Helmut Puff/Christopher Wild (Hg.): Zwischen den Disziplinen. Perspektiven der Frühneuzeitforschung. Göttingen 2003, S. 10.

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