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Tagungsberichte

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Tagungsberichte

Codex und Raum.

 Tagung des mediävistischen Arbeitskreises der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel

[16./17. November 2006, Wolfenbüttel]


Leitung: Stephan Müller (Paderborn), Lieselotte E. Saurma (Heidelberg), Peter Strohschneider (München)

Die theoretische und historische Erforschung des ‚Codex‘ bildet einen der zentralen Gegenstandsbereiche der Mediävistik jenseits aller methodischen Turns in den Geisteswissenschaften. Der mediävistische Arbeitskreis der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel machte diesen traditionellen Forschungsbereich zum Thema eines interdisziplinär und international besetzten Arbeitsgespräches am 16. und 17. November 2006 in der Bibliotheca Augusta. Im Zentrum der Fragestellung standen ­ so führte Peter Strohschneider einleitend aus ­ verschiedene Ebenen der Wahrnehmbarkeit des ‚Codex‘ und der Versuch, ihn nicht ausschließlich funktional als Träger von Schrift oder als Gebrauchsgegenstand, sondern ebenso als Kultgegenstand zu beschreiben, der in seiner Materialität auch Präsenz produzieren kann. Inhaltlich gekoppelt wurde dieser Ansatz mit der Kategorie des ‚Raumes‘, deren Komplexität und terminologische Offenheit ein breites und zugleich differenziertes Spektrum an Vorträgen wie Diskussionen entstehen ließ. Zu den Vorträgen im einzelnen:

Peter Schmidt (Frankfurt a. M.) stellte im Eröffnungsvortrag „Der Finger in der Handschrift: Vom Blättern, Öffnen und Schließen von Codices auf spätmittelalterlichen Bildern“ eine kunsthistorische Beispielreihe von Darstellungen unterbrochener Lektüren vor, die durch das Motiv des Fingers in der Handschrift verbunden sind. Der Finger ist Anzeichen der Unterbrechung, sie wiederum zeigt die Gegenwart dessen an, der ihre Ursache ist, nämlich Gott. Der Codex, der im Spannungsfeld von Lektio-Oratio durchaus nicht körperlos ist, sondern in der Lektüre buchstäblich begriffen, ja durchpflügt werden will, fungiert als Schaltstelle zwischen verschiedenen Realitätsebenen: Der Moment der unterbrochenen Lektüre markiert den Aufstieg vom Lesen (in dessen Rahmen Gott mit dem Gläubigen spricht) zum Gebet (in dem der Gläubige mit Gott spricht).

Gegenstand des Vortrages „Musik im Raum des Codex“ von Andreas Haug (Erlangen) war der historische Prozess, in dem Codex und Musik zusammenfinden. Haug ging aus von der Frage, wann und warum Musiknotationen Buchfähigkeit und vor allem -bedürftigkeit entwickeln und wie Musik für eine zerdehnte Kommunikationssituation verstetigt werden kann. Musik betritt erst in der Karolingerzeit den Codex, und zwar zunächst nur als Text. Um 900 wird er begleitet von Notation, um 1000 entsteht eine Musiknotation auf Linien, die es erstmals erlaubt, unmittelbar vom Blatt abzusingen. Der Römische Gesang wird damit zu einem Zeitpunkt aufgezeichnet, wo er bereits allgemein verbreitet ist. An der Sequenz lässt sich die Verselbständigung der Musik gegenüber der Schrift beobachten, kann sie doch mehrere Texte haben und, ausdifferenziert in Schrift und Musiknotation, zwei verschiedene Orte im Codex einnehmen.

Martin Baisch (Berlin) ging in seinem Vortrag „ Raum und Transgression. Visuelle und textuelle Prinzipien in illuminierten Handschriften des Eneasromans Heinrichs von Veldeke und des ‚Tristan‘ Gottfrieds von Straßburg“ aus von der Bestimmung des Codex als Produkt verschiedener Diskurse und als Ort von Verhandlungen und der Zirkulation sozialer Energie, womit er Konzepte des New Historicism belehnt. Der Codex ist für Baisch „auf Dauer gestellte Sinnproduktion“. Baisch fragte anhand der illuminierten Handschriften mgf 282 und Cgm 51 nach den Bezügen zwischen Text und Bild. Sind sie homolog oder diskrepant? Baisch führte eine differenzierte Analyse der Bildsprache der Handschriften durch und entwickelte dabei einen Einblick in die enge Konvergenz zwischen Bildern und Text. Im Zuge dessen lotete Baisch aus, wie plausibel die Übertragung der Begriffe supplementation und manuscript matrix aus der poststrukturalistischen Debatte auf die Beschreibung des Codex ist.

Michael Curschmann (Princeton) stellte in seinem öffentlichen Abendvortrag „Das Buch am Anfang und Ende des Lebens“ in der Augusteerhalle der Bibliothek die Frage nach neuen Lebenssphären des Buches im 12. und 13. Jahrhundert. Volkssprachliche Literatur beginnt in dieser Zeit erstmals, sich auch in den Zusammenhängen von Geburt und Sterben zu legitimieren. Am Beispiel von Priester Wernhers ‚Driu liet von der maget‘; zeigte Curschmann die paraliturgische Verwendung des Buches als Geburtshelfer in privatem Kontext, zu der das exklusiv hohe Niveau des Bildprogrammes der Handschrift D in Widerspruch steht und das an einen gesellschaftlich determinierten Gebrauchszusammenhang denken lässt. Jeans de Joinville Credo mit Kommentar kennzeichnet dagegen ein Verweissystem von Bild und Text, das in der einzigen erhaltenen Handschrift nicht mehr in der Weise organisiert ist, wie ursprünglich vorgesehen. Die offenkundige performative Synchronisierung von Text und Bild ­ die Bilder werden dem Sterbenden vorgezeigt und der jeweils auf der Rückseite stehende Text wird vorgelesen ­ legen dies nahe.

Angelus A. Häußling (München) beschrieb in seinem Vortrag „Der Codex zeitigt den Raum“ am Beispiel des Codex aureus ratisponensis (clm 14000) das Verhältnis von Wort und Bild auf der einen Seite in ihren Zusammenhängen mit den kodikalen Gegebenheiten der Handschrift auf der anderen Seite. Der Raum Gottes auf dem Einband des Codex lässt sich nicht nur in Beziehung zum Inhalt der Handschrift selbst setzen, sondern korrespondiert darüber hinaus auch mit dem im Raum der Kirche Dargestellten. Das augustinische praesens non habet spatium (Confessiones, Buch IX) kann hier keine Geltung beanspruchen, Kirche demonstriert viel eher an eben dieser Stelle ihren eigenen Raum.

Die Fragestellung des Vortrages von Felix Heinzer (Freiburg) richtete sich auf „Die Inszenierung des Evangelienbuchs in der Liturgie“, wobei er grundsätzlich zwischen der Pragmatik von Evangeliaren/Evangelistaren im Wortgottesdienst der Messe und im monastischen Raum unterschied. Für den erstgenannten Bereich beschrieb Heinzer Anreicherungen, die den Transformationsprozess des Codex von der spezifisch römischen Situation gegenüber dem nordalpinen Raum charakterisieren. Die sonntägliche Prozession mit dem päpstlichen Evangeliar, wie sie der Ordo Romanus beschreibt, manifestiert die Einheit der römischen Kirchen und wird in dem Moment überflüssig, wenn es mehrere Evangelienbücher gibt. Die sakrale Topographie des Codex im monastischen Raum verstand Heinzer als Rekurs auf das römische Modell. Das Buch partizipiert hier mithin an der grenzüberschreitenden Vermittlung zwischen profanem und geistlichem Raum. Der eigentliche Text und die Lesenutzung von Evangelienbüchern treten dabei gegenüber der präsentistischen Materialität des Codex zurück.

Gero Rudolf Dolezalek (Leipzig/Aberdeen) machte „Die Gestaltung glossierter juristischer Handschriften (12.-14. Jahrhundert)“ zum Gegenstand seiner Ausführungen. Ausgangspunkt war ihre serienmäßige Herstellung ab dem 12. Jahrhundert, vor allem in universitärem Kontext. Die massenhafte und weit gestreute Überlieferung zeigt, dass sich bereits früh Tendenzen zur Standardisierung herausbildeten, die den Codex und seinen Inhalt aus der Lehrer-Schüler-Situation lösen und überregional in weitestgehend identischer Form nutzbar machen. Diese beschrieb Dolezalek anhand der Raumaufteilung in Handschriften und einer Typologie ihrer Marginaleinträge. Solche „Randphänomene“ umfassen ein systematisch äußerst breites Spektrum, das von textkritischen Zeichen über Nachträge und Notabilia bis zu Allegationes reicht.

Wolfgang Christian Schneider (Darmstadt) wies in seinem Vortrag „Raum im Codex und Codex im Raum“ auf subtile Bezüge ausgewählter Handschriften hin, die dadurch zustandekommen, dass die Darstellung der einen Codex-Seite dann, wenn der Codex geschlossen wird, die gegenüberliegende Seite berührt. Durch diese Berührung werden räumlich neue Verknüpfungen in der Logik der Bildbezüge hergestellt: Die Gabe, die sich im cgm 4452 noch in den Händen der drei Könige befindet, liegt dann in denen des Jesusknaben. Solche Bezüge sind dem Betrachter jedoch niemals sinnlich wahrnehmbar. Vielmehr muss er sie erschließen, indem er die Seiten nicht als zweidimensional wahrnimmt, sondern den ganzen Codex in seiner Materialität, also Dreidimensionalität, reflektiert. Der Raum des Buches wird so auf den Benutzer ausgedehnt, dieser wird in das Buchprogramm mit einbezogen.

Bruno Reudenbach (Hamburg) stellte unter dem Titel „Raumkonstitution und Raumadaption in frühen Evangelienbüchern“ Kanontafeln als Beispiele erster Textmodelle, bzw. als Textsysteme vor. Sie forcieren jene Eigenschaften des Textes, die den Codex als dessen Medium vor dem Rotulus auszeichnen: Während dieser Text in die Fläche strukturiert, strukturiert ihn der Codex in die Tiefe; so können auch räumliche Bezüge aktiviert werden. Diese wurden von Reudenbach an der Frage veranschaulicht, warum die Tafeln die Form von Architekturbögen haben. Diesen kommt keine ornamentale Funktion zu, vielmehr machen sie die Nähe zur Architektur bewusst, konstituieren die Evangelien als eigenen Raum und geben eine räumliche Ordnung der Evangelien vor. Als ein weiteres Beispiel für räumliche Sinnerschließung innerhalb des Codex wurden gemalte Bildrahmen der Karolingerzeit herangezogen, die sich immer weiter verselbständigen, bis sie zu Darstellungen abstrakter Räume werden, die nur noch Rahmen, aber keinen Gegenstand mehr haben.

Die an die einzelnen Vorträge anschließenden Diskussionen wie auch die Abschlussdiskussion kreisten vielfach um die unterschiedlich akzentuierten Begriffe von ‚Raum‘, die vom euklidischen Raum bis zu einem anthropologisch fundierten Raumbegriff als Ausgangspunkte reichten. Deutlich wurde dabei, dass ‚Raum‘; terminologisch eine hohe Differenzierungsleistung besitzt, die vielfältige weiterführende Ansätze ermöglicht. Die Publikation der Tagungsvorträge ist in Vorbereitung. 2008 wird sich ein Arbeitsgespräch unter dem Thema „Codex im Diskurs“ anschließen.

Norbert Kössinger Katharina Philipowski

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