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Der
Fokus der Tagung lag auf der Frage nach den narrativen Inszenierungen des
Verhältnisses von Liebe und Kunst in Texten der Antike, des Mittelalters und
der so genannten Renaissance.
In ihren einführenden Worten exemplifizierten Baisch und
Trinca die Problemstellung des Workshops mit dem Lai ‚Laüstic‘ von Marie de France. Die Erzählung handelt von einer Dame,
die nachts unter dem Vorwand, sich nach der zwitschernden Nachtigall zu sehnen,
das Ehebett verlässt, um am Fenster zur Burg des Mannes hinüberzublicken, den
sie liebt. Ihr Ehemann lässt den Vogel schließlich töten. Die Dame schreibt die
Geschichte des Hergangs auf ein Stück Stoff und sendet es zusammen mit dem
Vogel ihrem Geliebten, der beides als das, was ihm von der Geliebten als
Einziges bleibt, von nun an hütet wie einen Schatz.
Der Lai enthält die verschiedenen Aspekte des Tagungsthemas
in all ihrer Vielfalt: Eine Fernliebe wird anzitiert, die sich jedoch in
Worten, Blicken und Geschenken konkretisiert und damit in gewissem Sinn als
erfüllte Liebe darstellt. So verweist die Erzählung zugleich auf die
Literarizität des Modells einer Liebe, die mit und aus Worten besteht und
entsteht. Und doch ist es erst die Folge fiktiver Liebeserlebnisse, die eine
Geschichte erzeugt und als solche neue Erzählungen von der Liebe provoziert.
Vor diesem Horizont breiteten die Vorträge der
Referentinnen und Referenten anschließend ihr vielfältiges Material aus: von
antiken Epen und Rhetoriken über die höfische Literatur des deutschen und
französischen Hochmittelalters bis zu Dante Alighieri und Petrarca. Über die
Jahrhunderte und Gattungsgrenzen hinweg erwiesen sich dabei für das Auffinden
poetischer Selbstreflexion folgende Strategien als zentral: die Frage nach der
narrativen Inszenierung von physischer und mentaler Nähe und Distanz,
Abwesenheit und Anwesenheit, die Frage nach dem inszenierten oder aber auch
geschichtlichen Transfer von Inhalten zwischen Gattungen und Medien und jene
nach den deiktischen Modi des Sichtbarmachens der Reflexion im Text.
Den Auftakt machte
Susanne Gödde („‚Eros, bittersüß‘ — Zur
Verbindung von Rhetorik und Gewalt in antiken Liebeskonzepten“) mit einer
Untersuchung der narrativen Funktionalisierung der antiken Liebesgottheiten
Eros und Aphrodite. Eros, so Gödde, vergegenwärtige in der literarischen und
philosophischen Tradition der Griechen das (noch) unerfüllte Liebesbegehren,
das Verlangen nach etwas Abwesendem. Aphrodite hingegen initiiere die sprachliche
und nicht-sprachliche Kommunikation zwischen den Liebenden. Die historisch
unterschiedlichen literarischen Inszenierungen der beiden Götter las Gödde als
selbstreflexive Auseinandersetzung mit dem Erzählen von der Liebe, bei dem das
unerfüllte Verlangen (das den Körper sprachlos werden lässt), und das Sprechen
über die Liebessituation (das das Abwesende heraufbeschwört) ein je
unterschiedliches Verhältnis zueinander eingehen können.
Mit dem inszenierten Wechsel von Nähe und Distanz
beschäftigte sich auch Jan Söffner („Liebe
als Distanz. Jaufré Rudel — Guido Cavalcanti“). Ausgehend vom Paradigma
einer Verkörperung (‚embodiment‘) der Liebessehnsucht im Text, konstatierte
Söffner für die Lieder Cavalcantis eine doppelte Deixis: Das Lied ist die Nachricht
von der Liebessehnsucht, die einerseits im performativen
Sinn zum Seufzer wird, indem sie vom Seufzen spricht, dabei aber als „Sprechen
“ unweigerlich einen beobachtenden, distanzierenden Standpunkt
hervorbringt. Jaufré Rudels Lieder hingegen spielen zwei „Räumlichkeiten“ gegeneinander
aus: Den irdischen Raum, in dem Verlangen die Suche nach körperlicher Nähe
impliziert, und den geistigen, in dem die physische Unerreichbarkeit durch die
Liebe überwunden wird. In ihrer selbstreflexiven und
autopoetischen Struktur ermögliche die literarisierte Liebe damit etwas, das
dem doppelten Sinn des Wortes ‚Eros‘ gerecht werde: Ein Begehren, das geweckt
wird durch die erzählte räumliche Trennung und das zugleich im Hören des Textes
selbst Erfüllung findet.
Eine weitere, faszinierende These zur Verschränkung von
Abwesenheit und Begehren bot der Vortrag Jutta Emings („‚Weiterlieben, weitererzählen.‘ Überlegungen zu Gottfrieds ‚Tristan‘“).
Eming analysierte Konstellationen in mittelalterlichen narrativen Texten, in denen
‚Weiterlieben‘ und ‚Weitererzählen‘ sich wechselseitig ineinander übersetzen
und damit die Kontinuität auch solcher Geschichten motivieren, die in gewisser
Weise schon auserzählt scheinen: Während Tristan, gleichsam in der Position des
Eros, seine innere Bindung an Isolde als Garant von Nähe auch unter der
Bedingung körperlicher Ferne begreift, gewinnt Isoldes Bindung an Tristan eine
existentielle Dimension. Ihre Worte entfalten im Inneren ihres Geliebten eine
magisch-performative Kraft, die die Gefühle für Isolde Weißhand vergiften wird
— das Weiterlieben Isoldes initialisiere, so Eming, auch das Weitererzählen der
Geschichte.
Die Abwesenheit der Geliebten als Bedingung der Möglichkeit
einer intimen schriftlichen Kommunikation untersuchte Elisabeth Schmids Vortrag
(„Worte und Taten. Selbstbezug als
Kunstübung im ersten Büchlein des ‚Frauendienst‘ von Ulrich von Liechtenstein“).
Der werbende Ritter, der sich als „Ich“ seines Büchleins der Dame nähert, imaginiert die Intimität zwischen seinem
„Buch-Ich“ und der begehrten Frau in den Grenzen der doppelten Medialisierung:
Ihre weißen Hände blättern die Seiten hin und her, lächelnde Augen heften sich
auf die Schrift, ein roter Mund wendet sich ihm zu. Nicht der Anblick der Dame, sondern die als erotisch phantasierte
Zuwendung, die der Text (das Buch-Ich) durch die Dame erfährt, wird zum
Substitut gelebter körperlicher Nähe.
Vom fiktionalen Transfer des liebenden Körpers in ein
Medium zum Transfer von Liebe zwischen den Gattungen führten Ulrich Wyss ' Überlegungen zum „Minnesang im Roman“. Wyss ging der Frage nach, inwieweit die für die altfranzösische und mittelhochdeutsche Literatur häufig nachweisbare Personalunion von Lyriker und Epiker die Implementierung erotischer Liebesdiskurse in den höfischen Roman mitverantwortlich zeichnet. Anhand zahlreicher Beispiele, etwa Ulrichs von Lichtenstein ‚Frauenbuch‘ oder Dantes ‚Vita Nuova‘, zeigte Wyss auf, wie der Minnesang möglicherweise einen narrativen Sinnzusammenhang erzeugte, der die Autoren zum Weitererzählen von der Liebe im größeren Handlungszusammenhang anregte.
Der Vortrag von Matthias Meyer („Joie de la curt? Versuch über die Schwierigkeiten des Artusromans mit
dem Erzählen von der Liebe“) lenkte die Aufmerksamkeit von den liebenden
Körpern auf die narrative Verortung der Minne im Text selbst. Innerhalb der
arthurischen Topographie, etwa im ‚Erec‘,
habe die Minne, so Meyer, keinen festen Ort: Die kurzen Liebesszenen zwischen
Erec und Enite fänden in Hartmanns Fassung in der freien Natur oder in explizit
als separiert konstruierten Räumen statt, etwa dem Schlafzimmer in Karnant. Der
Garten Joie de la Court, der einzige
fest umrissene, allein der Liebe gewidmete Ort, wird zugunsten einer
Gesellschaftsordnung verlassen, in der Paare durch Eheschließung, nicht durch
persönliche Liebesbindungen gebildet werden. Minne werde so als etwas sichtbar,
das, im Sinn des ‚De amore‘ Andreas
Capellanus, eine Grenze zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft erzeuge.
Mit der Architektur als sichtbarem Ausdruck der Liebe
beschäftigte sich Ulrike Zellmann („‚C'est
la prison Dedalus!‘ Zum Dreiecksverhältnis von artifex, Baukunst und Liebe“).
Am Beispiel u. a. des ‚Daedalus‘-Gedichts
Richards de Fournival und des ‚Ovid Moralisé‘ führte Zellmann vor, wie
das von Daedalus gebaute Labyrinth des Minotaurus zur selbstreflexiven Metapher
des Erzählens wird. So wie die Ungeheuerlichkeit der sexuellen Verwirrung den
Bau des Labyrinths initiiert, so inspiriert sie zugleich die Schaffenskraft des
dichtenden Künstlers: Die verwickelte Geschichte um Minos, Daedalus' hölzerne
Kuh und um den Minotaurus, die Leibesfrucht der Begattung Pasiphäe durch den
Stier, gewinnt am Ende der Narration im Labyrinth architektonisch Gestalt. Das
„sichtbare“ Monument wird zur Metapher des eben Gehörten.
Vom Schauen als dem Werkzeug der Liebe handelte Christoph
Hubers Vortrag „Ekphrasis-Aspekte im
Minnesang. Zur Poetik der Sichtbarmachung“. Am Beispiel der Lieder Heinrichs
von Morungen kategorisierte Huber die inszenierten Blicke in solche, in denen
das subjektive lyrische Ich als Schauender vom Anblick der Geliebten
überwältigt wird, dem Hörer oder Leser jedoch das Geschaute nicht mitgeteilt
wird („Nullstufe“), gefolgt von jenen, in denen isolierte Körpersignale die
Geliebte aufrufen und zugleich Adjektivattribute diese Körpersignale mit einer
Wertung versehen („Reduktionsstufe“). Die körperliche Präsenz der Geliebten
erreiche ihr erzähltes, nicht aber unbedingt imaginiertes Höchstmaß in
Inszenierungen, in denen sie anwesend ist und en detail vorgeführt wird (ekphrastisches Verfahren) und erlange
eine neue Steigerungsform, wenn sie im Anschluss an die theologische
Lichtästhetik gar nicht mehr als Körper, sondern vielmehr als Lichtgestalt
erscheint (Licht-Visualisierung).
Dieses Spannungsfeld
von Präsenz, Memoria und Performativität beleuchteten auch Martin Baischs
Überlegungen zum deiktischen Potential des Puppenmotivs in der höfischen
Literatur („‚Puppenspiele.‘ Liebe, Tod, Erzählen in den
‚Titurel‘—Dichtungen“) Sowohl bei Wolfram von Eschenbach wie auch in
Albrechts voluminösem Werk sei, so Baisch, das kulturelle Konstrukt ‚Puppe‘ im Spannungsfeld von Liebe, Rittertum und
Dienst angesiedelt. Bei Wolfram zeige sich im Puppenmotiv die Reflexion über
die Handlungs(ohn)macht jener weiblichen Figuren, die zwar Puppen zum Zweck der
Einübung höfischen Verhaltens einsetzen, die aber den gesellschaftlichen
Anforderungen der höfischen Kultur — in der Minne wie im Kampf — (noch) nicht
gewachsen sind. Albrecht inszeniere einzelne Protagonisten mittels
äußerer Attribute als ‚puppenhaft‘, entleibe und verdingliche sie so und weise,
wie etwa bei Tschionatulander, mit dem Zeichen des Puppenhaften auf ihre
spätere Unbeweglichkeit im Tod voraus.
Sich-Erinnern
als ein medial steuerbarer Prozess spielte in Susanne Knallers Vortrag eine
zentrale Rolle („Semiosis, Memoria und
Liebe. Narration und Allegorese in Dante Alighieris ‚Vita
Nuova‘“). In
antikem und mittelalterlichem Verständnis stelle die Memoria als
Wissensspeicher gelebte Wahrnehmungen ebenso wie rezipierte Texte und Bilder
zur Wiederverwendung zur Verfügung. Erinnerung als psycho-physischen Vorgang
lasse sich im Sinn der Reaktualisierung des Memorierten als Form des gelebten
Wissens und Erkennens beschreiben. Wie die Liebe sei daher ein solches
Sich-Erinnern selbstreflexiv, prozessual und relational. Im allegorischen
Erzählen von der Liebe ließen sich daher auch, wie etwa in Dantes ‚Vita Nuova‘, die strukturellen
Eigenschaften des Erinnerns sichtbar machen.
In ihrer katalysierenden Funktion für den literarischen Produktionsprozess erschien die Liebe in Beatrice Trincas Überlegungen zu Erzählen oder Lieben in der höfischen Epik. Am Beispiel des ‚Partonopeu
de Blois‘ und Wolframs von Eschenbach ‚Parzival‘
fragte Trinca nach der Rolle der narrativen Selbstdarstellung der Erzählerfigur
als Liebender bzw. Begehrender und nach der Funktion der Geliebten innerhalb
ihrer katalysierenden Funktion für den literarischen Produktionsprozess
erschien die Liebe in Beatrice Trincas Überlegungen zu „Erzählen oder Lieben in der höfischen Epik“ dieser Inszenierung. In den französischen und deutschen Romanen des 12. und 13.
Jh. ließe sich, so Trinca, ein Traditionsstrang nachzeichnen, in dem die
Geliebte als Inspirationsinstanz fungiere: Die Geliebte könne den Erzähler zum
Dichten inspirieren, es ihm befehlen oder ihm die Inhalte der Erzählung zur
Verfügung stellen und offeriere dem Erzähler-Ich im Kontext der medialen
Suggestion somit unterschiedliche Möglichkeiten der Selbstinszenierung.
Mit Betrachtungen zur „Literaturgeschichte
als Liebesgeschichte: Petrarca, ‚Rerum vulgarium fragmenta‘ LXX“ beschloss Sebastian Neumeister die Tagung. Am Beispiel Francesco Pertracas ‚Canzioniere‘ zeigte Neumeister, wie
Petrarca mit Hilfe von Zitaten — aus der provenzalischen Liebeslyrik, aus
Werken Guido Cavalcantis, Dantes, Ginos di Pistroia und schließlich seiner
selbst — das lyrische Ich im strophischen Verlauf von der Rollenlyrik über
Ansätze einer Autonomie hin zu seiner Exklusion aus der Gesellschaft führt und
sich so als Dichter inszeniert, der sich auf der Höhe seiner Zeit befindet.
Die Veröffentlichung des Tagungsbandes ist für 2008
geplant.
Nadia Ghattas (Berlin)
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