Eine Tastatur halt ;-)
    Startseite
    Mediävistische Forschung
Startseite

Zurück zur Startseite Impressum eMail an die Redaktion Neue Angebote auf Mediaevum Überblick über das gesamte Portal Suche auf Mediaevum.de Hilfe

Tagungsberichte

Zum Ausdrucken oder Speichern bieten wir diesen Tagungsbericht auch im PDF-Format, das beim Klick auf das entsprechende Symbol () neben dem Titel der Veranstaltung erstellt wird.

Weitere Berichte über Tagungen des Jahres: | 2005 | 2006 | 2007 | 2008 | 2009

Tagungsberichte

Liebe als Selbstreflexivität von Kunst.

 Interdisziplinäre Tagung im Rahmen des Sfb 626 ‚Ästhetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der Künste‘ und in Zusammenarbeit mit dem Institut für Deutsche und Niederländische Philologie der FU Berlin

[6.-7. Juli 2007, FU Berlin]


Leitung: Dr. Martin Baisch, Beatrice Trinca M.A. (beide Berlin)

Der Fokus der Tagung lag auf der Frage nach den narrativen Inszenierungen des Verhältnisses von Liebe und Kunst in Texten der Antike, des Mittelalters und der so genannten Renaissance.

In ihren einführenden Worten exemplifizierten Baisch und Trinca die Problemstellung des Workshops mit dem Lai ‚Laüstic‘ von Marie de France. Die Erzählung handelt von einer Dame, die nachts unter dem Vorwand, sich nach der zwitschernden Nachtigall zu sehnen, das Ehebett verlässt, um am Fenster zur Burg des Mannes hinüberzublicken, den sie liebt. Ihr Ehemann lässt den Vogel schließlich töten. Die Dame schreibt die Geschichte des Hergangs auf ein Stück Stoff und sendet es zusammen mit dem Vogel ihrem Geliebten, der beides als das, was ihm von der Geliebten als Einziges bleibt, von nun an hütet wie einen Schatz.

Der Lai enthält die verschiedenen Aspekte des Tagungsthemas in all ihrer Vielfalt: Eine Fernliebe wird anzitiert, die sich jedoch in Worten, Blicken und Geschenken konkretisiert und damit in gewissem Sinn als erfüllte Liebe darstellt. So verweist die Erzählung zugleich auf die Literarizität des Modells einer Liebe, die mit und aus Worten besteht und entsteht. Und doch ist es erst die Folge fiktiver Liebeserlebnisse, die eine Geschichte erzeugt und als solche neue Erzählungen von der Liebe provoziert.

Vor diesem Horizont breiteten die Vorträge der Referentinnen und Referenten anschließend ihr vielfältiges Material aus: von antiken Epen und Rhetoriken über die höfische Literatur des deutschen und französischen Hochmittelalters bis zu Dante Alighieri und Petrarca. Über die Jahrhunderte und Gattungsgrenzen hinweg erwiesen sich dabei für das Auffinden poetischer Selbstreflexion folgende Strategien als zentral: die Frage nach der narrativen Inszenierung von physischer und mentaler Nähe und Distanz, Abwesenheit und Anwesenheit, die Frage nach dem inszenierten oder aber auch geschichtlichen Transfer von Inhalten zwischen Gattungen und Medien und jene nach den deiktischen Modi des Sichtbarmachens der Reflexion im Text.

Den Auftakt machte Susanne Gödde („‚Eros, bittersüß‘ — Zur Verbindung von Rhetorik und Gewalt in antiken Liebeskonzepten“) mit einer Untersuchung der narrativen Funktionalisierung der antiken Liebesgottheiten Eros und Aphrodite. Eros, so Gödde, vergegenwärtige in der literarischen und philosophischen Tradition der Griechen das (noch) unerfüllte Liebesbegehren, das Verlangen nach etwas Abwesendem. Aphrodite hingegen initiiere die sprachliche und nicht-sprachliche Kommunikation zwischen den Liebenden. Die historisch unterschiedlichen literarischen Inszenierungen der beiden Götter las Gödde als selbstreflexive Auseinandersetzung mit dem Erzählen von der Liebe, bei dem das unerfüllte Verlangen (das den Körper sprachlos werden lässt), und das Sprechen über die Liebessituation (das das Abwesende heraufbeschwört) ein je unterschiedliches Verhältnis zueinander eingehen können.

Mit dem inszenierten Wechsel von Nähe und Distanz beschäftigte sich auch Jan Söffner („Liebe als Distanz. Jaufré Rudel — Guido Cavalcanti“). Ausgehend vom Paradigma einer Verkörperung (‚embodiment‘) der Liebessehnsucht im Text, konstatierte Söffner für die Lieder Cavalcantis eine doppelte Deixis: Das Lied ist die Nachricht von der Liebessehnsucht, die einerseits im performativen Sinn zum Seufzer wird, indem sie vom Seufzen spricht, dabei aber als „Sprechen “ unweigerlich einen beobachtenden, distanzierenden Standpunkt hervorbringt. Jaufré Rudels Lieder hingegen spielen zwei „Räumlichkeiten“ gegeneinander aus: Den irdischen Raum, in dem Verlangen die Suche nach körperlicher Nähe impliziert, und den geistigen, in dem die physische Unerreichbarkeit durch die Liebe überwunden wird. In ihrer selbstreflexiven und autopoetischen Struktur ermögliche die literarisierte Liebe damit etwas, das dem doppelten Sinn des Wortes ‚Eros‘ gerecht werde: Ein Begehren, das geweckt wird durch die erzählte räumliche Trennung und das zugleich im Hören des Textes selbst Erfüllung findet.

Eine weitere, faszinierende These zur Verschränkung von Abwesenheit und Begehren bot der Vortrag Jutta Emings („‚Weiterlieben, weitererzählen.‘ Überlegungen zu Gottfrieds ‚Tristan‘“). Eming analysierte Konstellationen in mittelalterlichen narrativen Texten, in denen ‚Weiterlieben‘ und ‚Weitererzählen‘ sich wechselseitig ineinander übersetzen und damit die Kontinuität auch solcher Geschichten motivieren, die in gewisser Weise schon auserzählt scheinen: Während Tristan, gleichsam in der Position des Eros, seine innere Bindung an Isolde als Garant von Nähe auch unter der Bedingung körperlicher Ferne begreift, gewinnt Isoldes Bindung an Tristan eine existentielle Dimension. Ihre Worte entfalten im Inneren ihres Geliebten eine magisch-performative Kraft, die die Gefühle für Isolde Weißhand vergiften wird — das Weiterlieben Isoldes initialisiere, so Eming, auch das Weitererzählen der Geschichte.

Die Abwesenheit der Geliebten als Bedingung der Möglichkeit einer intimen schriftlichen Kommunikation untersuchte Elisabeth Schmids Vortrag („Worte und Taten. Selbstbezug als Kunstübung im ersten Büchlein des ‚Frauendienst‘ von Ulrich von Liechtenstein“). Der werbende Ritter, der sich als „Ich“ seines Büchleins der Dame nähert, imaginiert die Intimität zwischen seinem „Buch-Ich“ und der begehrten Frau in den Grenzen der doppelten Medialisierung: Ihre weißen Hände blättern die Seiten hin und her, lächelnde Augen heften sich auf die Schrift, ein roter Mund wendet sich ihm zu. Nicht der Anblick der Dame, sondern die als erotisch phantasierte Zuwendung, die der Text (das Buch-Ich) durch die Dame erfährt, wird zum Substitut gelebter körperlicher Nähe.

Vom fiktionalen Transfer des liebenden Körpers in ein Medium zum Transfer von Liebe zwischen den Gattungen führten Ulrich Wyss ' Überlegungen zum „Minnesang im Roman“. Wyss ging der Frage nach, inwieweit die für die altfranzösische und mittelhochdeutsche Literatur häufig nachweisbare Personalunion von Lyriker und Epiker die Implementierung erotischer Liebesdiskurse in den höfischen Roman mitverantwortlich zeichnet. Anhand zahlreicher Beispiele, etwa Ulrichs von Lichtenstein ‚Frauenbuch‘ oder Dantes ‚Vita Nuova‘, zeigte Wyss auf, wie der Minnesang möglicherweise einen narrativen Sinnzusammenhang erzeugte, der die Autoren zum Weitererzählen von der Liebe im größeren Handlungszusammenhang anregte.

Der Vortrag von Matthias Meyer (Joie de la curt? Versuch über die Schwierigkeiten des Artusromans mit dem Erzählen von der Liebe“) lenkte die Aufmerksamkeit von den liebenden Körpern auf die narrative Verortung der Minne im Text selbst. Innerhalb der arthurischen Topographie, etwa im ‚Erec‘, habe die Minne, so Meyer, keinen festen Ort: Die kurzen Liebesszenen zwischen Erec und Enite fänden in Hartmanns Fassung in der freien Natur oder in explizit als separiert konstruierten Räumen statt, etwa dem Schlafzimmer in Karnant. Der Garten Joie de la Court, der einzige fest umrissene, allein der Liebe gewidmete Ort, wird zugunsten einer Gesellschaftsordnung verlassen, in der Paare durch Eheschließung, nicht durch persönliche Liebesbindungen gebildet werden. Minne werde so als etwas sichtbar, das, im Sinn des ‚De amore‘ Andreas Capellanus, eine Grenze zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft erzeuge.

Mit der Architektur als sichtbarem Ausdruck der Liebe beschäftigte sich Ulrike Zellmann („‚C'est la prison Dedalus!‘ Zum Dreiecksverhältnis von artifex, Baukunst und Liebe“). Am Beispiel u. a. des ‚Daedalus‘-Gedichts Richards de Fournival und des ‚Ovid Moralisé‘ führte Zellmann vor, wie das von Daedalus gebaute Labyrinth des Minotaurus zur selbstreflexiven Metapher des Erzählens wird. So wie die Ungeheuerlichkeit der sexuellen Verwirrung den Bau des Labyrinths initiiert, so inspiriert sie zugleich die Schaffenskraft des dichtenden Künstlers: Die verwickelte Geschichte um Minos, Daedalus' hölzerne Kuh und um den Minotaurus, die Leibesfrucht der Begattung Pasiphäe durch den Stier, gewinnt am Ende der Narration im Labyrinth architektonisch Gestalt. Das „sichtbare“ Monument wird zur Metapher des eben Gehörten.

Vom Schauen als dem Werkzeug der Liebe handelte Christoph Hubers Vortrag „Ekphrasis-Aspekte im Minnesang. Zur Poetik der Sichtbarmachung. Am Beispiel der Lieder Heinrichs von Morungen kategorisierte Huber die inszenierten Blicke in solche, in denen das subjektive lyrische Ich als Schauender vom Anblick der Geliebten überwältigt wird, dem Hörer oder Leser jedoch das Geschaute nicht mitgeteilt wird („Nullstufe“), gefolgt von jenen, in denen isolierte Körpersignale die Geliebte aufrufen und zugleich Adjektivattribute diese Körpersignale mit einer Wertung versehen („Reduktionsstufe“). Die körperliche Präsenz der Geliebten erreiche ihr erzähltes, nicht aber unbedingt imaginiertes Höchstmaß in Inszenierungen, in denen sie anwesend ist und en detail vorgeführt wird (ekphrastisches Verfahren) und erlange eine neue Steigerungsform, wenn sie im Anschluss an die theologische Lichtästhetik gar nicht mehr als Körper, sondern vielmehr als Lichtgestalt erscheint (Licht-Visualisierung).

Dieses Spannungsfeld von Präsenz, Memoria und Performativität beleuchteten auch Martin Baischs Überlegungen zum deiktischen Potential des Puppenmotivs in der höfischen Literatur („‚Puppenspiele.‘ Liebe, Tod, Erzählen in den ‚Titurel‘—Dichtungen) Sowohl bei Wolfram von Eschenbach wie auch in Albrechts voluminösem Werk sei, so Baisch, das kulturelle Konstrukt ‚Puppe‘ im Spannungsfeld von Liebe, Rittertum und Dienst angesiedelt. Bei Wolfram zeige sich im Puppenmotiv die Reflexion über die Handlungs(ohn)macht jener weiblichen Figuren, die zwar Puppen zum Zweck der Einübung höfischen Verhaltens einsetzen, die aber den gesellschaftlichen Anforderungen der höfischen Kultur — in der Minne wie im Kampf — (noch) nicht gewachsen sind. Albrecht inszeniere einzelne Protagonisten mittels äußerer Attribute als ‚puppenhaft‘, entleibe und verdingliche sie so und weise, wie etwa bei Tschionatulander, mit dem Zeichen des Puppenhaften auf ihre spätere Unbeweglichkeit im Tod voraus.

Sich-Erinnern als ein medial steuerbarer Prozess spielte in Susanne Knallers Vortrag eine zentrale Rolle (Semiosis, Memoria und Liebe. Narration und Allegorese in Dante Alighieris ‚Vita Nuova‘“). In antikem und mittelalterlichem Verständnis stelle die Memoria als Wissensspeicher gelebte Wahrnehmungen ebenso wie rezipierte Texte und Bilder zur Wiederverwendung zur Verfügung. Erinnerung als psycho-physischen Vorgang lasse sich im Sinn der Reaktualisierung des Memorierten als Form des gelebten Wissens und Erkennens beschreiben. Wie die Liebe sei daher ein solches Sich-Erinnern selbstreflexiv, prozessual und relational. Im allegorischen Erzählen von der Liebe ließen sich daher auch, wie etwa in Dantes ‚Vita Nuova‘, die strukturellen Eigenschaften des Erinnerns sichtbar machen.

In ihrer katalysierenden Funktion für den literarischen Produktionsprozess erschien die Liebe in Beatrice Trincas Überlegungen zu Erzählen oder Lieben in der höfischen Epik. Am Beispiel des ‚Partonopeu de Blois‘ und Wolframs von Eschenbach ‚Parzival‘ fragte Trinca nach der Rolle der narrativen Selbstdarstellung der Erzählerfigur als Liebender bzw. Begehrender und nach der Funktion der Geliebten innerhalb ihrer katalysierenden Funktion für den literarischen Produktionsprozess erschien die Liebe in Beatrice Trincas Überlegungen zu „Erzählen oder Lieben in der höfischen Epik“ dieser Inszenierung. In den französischen und deutschen Romanen des 12. und 13. Jh. ließe sich, so Trinca, ein Traditionsstrang nachzeichnen, in dem die Geliebte als Inspirationsinstanz fungiere: Die Geliebte könne den Erzähler zum Dichten inspirieren, es ihm befehlen oder ihm die Inhalte der Erzählung zur Verfügung stellen und offeriere dem Erzähler-Ich im Kontext der medialen Suggestion somit unterschiedliche Möglichkeiten der Selbstinszenierung.

Mit Betrachtungen zur „Literaturgeschichte als Liebesgeschichte: Petrarca, ‚Rerum vulgarium fragmenta‘ LXX“ beschloss Sebastian Neumeister die Tagung. Am Beispiel Francesco Pertracas ‚Canzioniere‘ zeigte Neumeister, wie Petrarca mit Hilfe von Zitaten — aus der provenzalischen Liebeslyrik, aus Werken Guido Cavalcantis, Dantes, Ginos di Pistroia und schließlich seiner selbst — das lyrische Ich im strophischen Verlauf von der Rollenlyrik über Ansätze einer Autonomie hin zu seiner Exklusion aus der Gesellschaft führt und sich so als Dichter inszeniert, der sich auf der Höhe seiner Zeit befindet.

Die Veröffentlichung des Tagungsbandes ist für 2008 geplant.

Nadia Ghattas (Berlin)

Copyright bei Mediaevum.de 1999–2006 Gästebuch Seite empfehlen