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Vom 16.-18. Juni 2005 fand in Münster eine Tagung zu den „Formen und Funktionen von
Redeszenen in der mittelhochdeutschen Großepik“ statt, deren 15 Vorträge eine von den
Dialog- und Monologszenen ausgehende Interpretation mittelhochdeutscher Großepen
darboten. In ihren einleitenden Wortern skizzierte Nine Miedema (Einführung), dass für
eine angemessene Analyse solcher Szenen eine Kombination literatur- und
sprachwissenschaftlicher Methoden notwendig sei. Am Beispiel des ‚Erec‘ führte sie aus, dass
das neue höfische Sprechen, welches in verschiedenen Szenen von Hartmanns Epos
programmatisch demonstriert werde, u.a. an der auch heute noch geläufigen Abschwächung
der Illokutionsindikatoren erkennbar sei. Zwei medientheoretische Vorträge folgten:
Katharina Philipowski („Die Geburt der Figur aus dem Geiste der Schriftlichkeit.
Medientheoretische Überlegungen zur Entwicklung der Figurenrede“) vertrat die These, dass
die Redeszenen in der (handlungsorientierten) Heldenepik grundsätzlich von denjenigen der
(dialogorienterten) höfischen Epik abwichen, da die höfische Epik im Gegensatz zur
Heldenepik schriftlich konzipiert sei; dies erlaube komplexere Strukturen der Redeszenen.
Anja Becker widmete sich der Umsetzung von Dialogszenen in Bilder („Dialoge in Text und
Bild Beobachtungen zur Leidener ‚Wigalois‘-Handschrift Ltk 537“); die Bilder des
Leidener Codex bildeten die entsprechenden Szenen nicht schlicht ab, sondern schrieben
ihnen teilweise einen neuen Sinn ein.
Es folgten Fallstudien zu einzelnen Texten. Almut Suerbaum („List, Lüge und
Geheimnis in Gottfrieds ‚Tristan‘: Zur Bedeutung der Drachenkampfszene“) stellte zunächst
die mittelalterlichen theoretischen Auseinandersetzungen mit dem Problem des (negativ
bewerteten) absichtlichen Täuschens durch das Sprechen von Unwahrheiten dar, das mit dem
positiv bewerteten list, der ebenfalls eine Täuschung durch Sprache beinhalten könne, zu
kontrastieren sei. So werde im ‚Tristan‘ der Truchsess zwar als ungeschickter Lügner entlarvt,
der gekonnt angewandte list an sich sei im Text jedoch positiv gewertet. Maryvonne Hagby
verwies durch ihre Ausführungen zum Thema „Die Dialoge im ‚Leben der Yolanda von
Vianden‘ inhaltliche, funktionale und gattungsgeschichtliche Überlegungen“ darauf, dass in
diesem Text verzögerte Antworten strukturbildend seien. Dass die Protagonistin eine
historische Figur sei, könne den Anlass zur Gestaltung der auffällig alltagsnahen Gespräche
gegeben haben: Auf diese Art und Weise werde, möglicherweise im bewussten Kontrast zu
den Legenden und den höfischen Epen, der Anspruch auf historische Faktizität erhoben.
Martin Schuhmann („Orgueilleux und das Fräulein im Zelt, Orilus und Jeschute Figurenrede
bei Chrétien und Wolfram im Vergleich“) skizzierte anhand eines Vergleichs zwischen dem
französischen und dem deutschen Text, dass Wolfram die Dialogszenen nicht nur zur
Charakterisierung der Figuren benutze, sondern durch sie einerseits Leitthemen wie das der
Mesalliance szenenübergreifend gestalte, andererseits gegenüber Chrétien neue
Verknüpfungsmöglichkeiten zu anderen Artusepen bzw. -stoffen schaffe. Henrike Lähnemann
besprach in ihrem Beitrag („Hakenschlagende Kommunikation. Syntax und Struktur im
‚Parzival‘“), dass das im Gespräch mit vrou Aventiure skizzierte Problem des sukzessiven
Erzählens von Gleichzeitigem bzw. übergreifend Verknüpftem auch durch die syntaktische
turbatio zu Anfang des IX. Buches abgebildet werde. Cora Dietl stellte die „Dialoge als
Bewältigung von Fremdheit im ‚Jüngeren Titurel‘ und im ‚Parzival‘“ dar: Wenn die eigene
Erkenntnis versage, werde das vermittelte Erkennen notwendig, welches im Dialog erarbeitet
werden müsse. Albrecht reduziere dabei gegenüber Wolfram die Irrwege, die der Protagonist
beschreite, und ermögliche dadurch ein schnelleres „Fragen nach der Frage“. Christiane
Krusenbaum und Christian Seebald („ze guote jehen. Pragmatisches und literarisches
Sprechen im ‚Guoten Gêrhart‘“) beschrieben die auffällige Handlungsarmut des ‚Gêrhart‘, die
dem Sprechen eine besondere Bedeutung zukommen lasse; außerdem trete die Erzählerfigur
in diesem Text dadurch ungewöhnlich stark in den Hintergrund, dass stilistische Unterschiede
zwischen den Erzählstimmen kaum feststellbar seien. Im Rahmen der drei unterscheidbaren
Erzählebenen sei den narrativen Monologen eine besondere Bedeutung zuzuweisen, die erst
durch ihre Integration in die Handlung eine pragmatische Funktion erhielten, wodurch
metadiegetisch auf den richtigen Umgang mit dem Gesamttext verwiesen werde: Nicht
ausgehend vom einzelnen Exemplum, sondern nur im Erzählzusammenhang sei eine
Pragmatisierung des Textes möglich. Monika Unzeitig („Konstruktion von Autorschaft und
Werkgenese im Gespräch mit Publikum und Feder“) wies auf die verschiedenen Stufen der
Reflexion über die Produktion, Performanz und Bewahrung epischer Texte hin, durch die von
Wolfram bis Thomasin Autorenrollen inszeniert würden. Einen Kulminationspunkt erreiche
diese bei Thomasin im Paradox der Beschreibung fingierter Schriftlichkeit (d.h. Beschreibung
der fingierten, zehn Monate dauernden Niederschrift des Textes) durch fingierte Mündlichkeit
(in Gestalt des fingierten Dialoges des Autors mit seiner Feder).
Weitere Vorträge widmeten sich textübergreifend formalen Aspekten. So beschrieb
Maria E. Müller („war ume? daz wil ich sagen. Stichomythien und verwandte Formen des
schnellen Sprecherwechsels in der mittelhochdeutschen Großepik“) die Stichomythie als
insbesondere für den mündlichen Vortrag geeignetes Stilmittel des höfischen Epos, das
oberflächlich das Erzähltempo zu beschleunigen scheine, im Erzählzusammenhang jedoch
häufig eher eine retardierende Digression bedeute, die die Virtuosität des Autors zur Schau
stelle. Im Eneasroman trete sie ausschließlich an Wendepunkten auf und strukturiere damit
den Erzählverlauf. Franz Hundsnurscher skizzierte in seinem Beitrag („Das literarische
Charakterisierungspotential der Inquit-Formel“) nicht nur, dass die einzelnen
mittelhochdeutschen Autoren die zur Verfügung stehenden Inquitverben sehr differenziert
einsetzten, sondern darüber hinaus, wie die erweiterte Inquit-Formel die Interpretation
sprachlicher und mentaler Handlungen steuere, indem sie etwa Sprechweise, Adressierung
und Begleitumstände verbalisiere und somit Referenzzuweisungen ermögliche. Position und
Aufbau der Inquit-Formeln komme damit besondere Bedeutung zu.
Einen letzten Block bildeten Untersuchungen zu Konfliktdialogen. Harald Weydt
führte mit dem Thema „Falken und Tauben im ‚Nibelungenlied‘ wie lässt man es zum
Kampf kommen, wenn man keine Macht hat?“ durch zentrale Szenen des Textes und führte
aus, dass Hagen und Kriemhild von Anfang des zweiten Teiles des ‚Nibelungenliedes‘ an
vordergründig kontraoperativ zu handeln schienen, unterschwellig jedoch kooperierten. Erst
eine konversationsanalytische Untersuchung mache diese gegenläufigen Bewegungen
sichtbar. Elke Ukena-Best („Konfliktdialoge im Eneasroman Heinrichs von Veldeke“)
verglich die in den Tod führenden Dialoge zwischen Eneas und Dido auf der einen Seite und
Lavinia und der Königin auf der anderen Seite; nicht nur deren Gesprächssituationen seien
vergleichbar, sondern auch ihr Verlauf in drei Stadien, die jeweils einen Wechsel im
Gesprächsverhalten erkennen ließen. Martin H. Jones („nû wert iuch, ritter, ez ist zît [‚Erec‘
4347]. Zum verbalen Vorfeld des ritterlichen Zweikampfs in der höfischen Epik“) zeigte
anhand verschiedener Texte, dass die heldenepische Idee der Reizrede in den Artusromanen
fortlebe, dort allerdings auf unterschiedliche Art und Weise umgesetzt werde; die Reizrede sei
nicht notwendig, um einen Kampf herbeizuführen, erlaube jedoch z.B. die Thematisierung der
Etablierung von Freundschaftsverhältnissen oder auch des widersagens und damit der
rechtlichen Folgen, die der Kampf haben werde.
In der Schlussdiskussion wurde resümiert, dass die Untersuchung der Redeszenen es ermögliche, die Unterschiede zwischen den Teilgattungen der Großepik genauer zu beschreiben. Die verschiedenen Spielarten sprachlichen Handelns und die unterschiedlichen Charakterisierungen des Erzählers durch die Redeszenen seien genau zu untersuchen. Den Redeszenen kämen verschiedene Funktionen zu: Sie dienten der Figurencharakterisierung und der Darstellung der Beziehungen zwischen den handelnden Figuren; sie führten zu einer Verlebendigung des Erzählvorgangs. Darüber hinaus sei jedoch wichtig festzuhalten, dass nicht nur der Erzähler, sondern auch die Figuren entscheidende Informationen mitteilten, so dass Redeszenen die Funktion des Erzählberichts übernehmen könnten. Des Weiteren sei das sprachliche Agieren in den Epen Bestandteil der Handlung oder zumindest Auslöser von Handlung; Verteilung und Aufbau von Dialogen strukturierten die Texte in deutlich stärkerem Maße, als bisher erkannt worden sei. Besprochen wurden anschließend verschiedene Desiderate: Wünschenswert sei eine methodische Reflexion über die Möglichkeiten der (auch sprachwissenschaftlichen) Analyse mittelalterlicher literarischer Dialoge, obwohl eine auch nur annähernd definitive Klärung der methodischen Probleme zum gegebenen Zeitpunkt kaum möglich schiene. Wichtig sei für zukünftige Forschung, die Großepik in Versform und deren Redeszenen mit anderen Gattungen (wie etwa der Kleinepik oder dem Prosaroman) zu kontrastieren. Mehrfach angesprochen wurde die Notwendigkeit eines systematischen Vergleichs der deutschen Epen zu ihren französischen Quellen, unter Einbezug der (überwiegend lateinischen) rhetorischen Theorie, da ein solcher Vergleich während der Tagung nur punktuell versucht worden sei. Geplant ist deswegen eine weitere Tagung, in deren Mittelpunkt der Vergleich der Redeszenen in der mittelhochdeutschen Großepik mit ihren französischen und lateinischen Vorlagen stehen soll.
Franz HundsnurscherNine Miedema (Münster)
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