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Tagungsberichte

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Tagungsberichte

Tiere in den Literaturen des Mittelalters. Roadmap-Tagung zu einem interdisziplären Lexikonprojekt

[19. bis 21. Mai 2008, Mainz]


Vom 19.-21. Mai 2008 fand im Erbacher Hof in Mainz eine Roadmap-Tagung zu dem interdisziplinären Lexikonprojekt „Tiere in den Literaturen des Mittelalters“ statt. Im Mittelpunkt standen zentrale thematische und methodische Aspekte des Lexikons, das in internationaler Kooperation entsteht und zunächst als Online-Publikation konzipiert ist. Unterstützt wurde die Tagung vom Historisch-Kulturwissenschaftlichen Forschungszentrum Mainz-Trier (HKFZ) und dem Deutschen Institut der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

Nach einer Vorstellung des Projekts und Projektplans durch einige Mitglieder des animaliter-Teams - Thomas Honegger (Jena), Sabine Obermaier (Mainz), Andrea Rapp (Trier), Richard Trachsler (Paris/ Zürich), Baudouin van den Abeele (Louvain-la-Neuve) und Paul Wackers (Utrecht) - wurden in einer Table Ronde mit Kurt Gärtner (Trier/ Marburg), François Poplin (Paris) und Kenneth Varty (Glasgow) die Chancen und Perspektiven des Lexikonprojekts diskutiert. Dabei wurde zum einen die Notwendigkeit der lexikographischen Ordnung sowie des interdisziplinären Ansatzes hervorgehoben. Zum anderen wurde auf die Möglichkeiten der EDV-gestützten Enzyklopädie und die Dynamik des Mediums Internet, aber auch auf die damit verbundene Urheberrechtsproblematik verwiesen. Außerdem wurde die Frage der mittelalterlichen Tierbezeichnungen sowie eine mögliche Einbeziehung der Ikonographie erörtert.

Am nächsten Tag folgten Vorträge zu fachwissenschaftlichen Themen aus dem Arbeitsbereich des Lexikons. Gegenstand des (verlesenen) Vortrags von Michel Pastoureau (Paris) „L'Église médiévale face à l'ours“ war die Symbolik des Tiers in und außerhalb der Literatur. Dass diese sich im Mittelalter wandeln kann, zeigt das Beispiel des ursprünglich als König der Tiere bewunderten und verehrten Bärs, der von Seiten der Kirche systematisch als Untier verteufelt bzw. als Tanzbär ins Lächerliche gezogen wurde. Jan Ziolkowski (Cambridge, MA/ Washington, DC) befasste sich in seinem Vortrag „The donkey in medieval literary culture“ mit den verschiedenen literarischen Quellen mittelalterlicher Tiersymbolik. Diese reichen von der antiken Mythologie, der Bibel und apokryphen Schriften über tierkundliche Werke bis hin zu Fabel, Sagen, Legenden, Märchen sowie Sprichwörtern und sind bereits durch Nachschlagewerke (wie z. B. den Motif-Index von Aarne/Thompson) gut erschlossen. Willem P. Gerritsen (Utrecht) begab sich in seinem Vortrag „Inkarnationen eines Tieres, das es nicht gibt“ auf die (bildlichen) Spuren des Einhorns, das als Fabeltier einen wichtigen Platz in der christlichen Symbolik und Ikonographie des Mittelalters einnimmt. Dabei warf er auch die Frage nach dem Umgang mit Textreferenzen auf. Die Bedeutung von Fabeltieren stellte ebenfalls Paul Michel (Zürich) in seinem Vortrag „Drachen, namentlich bei J. J. Scheuchzer“ heraus. Vor dem Hintergrund der ambivalenten Haltung neuzeitlicher Naturforschung gegenüber der Existenz von Drachen zeigte er die Argumentationsstrategien Schleuchzers auf, der durch den Kontext, Augenzeugenberichte, literarische Quellen unterschiedlichsten Typs sowie naturwissenschaftliche Überlegungen seine Darstellung zu beglaubigen sucht. Dem Verhältnis zwischen Tier und Mensch widmete sich Brigitte Resl (Liverpool) in ihrem Vortrag „Man's best friends. Variations in alliances with animals“, wobei sich ihre Ausführungen vor allem auf die umfangreiche chronikalische Literatur des Mittelalters stützten. Dietmar Peil (München) zeigte in seinem Vortrag „Von Mäusen und Menschen“ am Beispiel des ‚Froschmeuseler‘ von Georg Rollenhagen die Rolle des Tiers in der Fabel bzw. im Fabelepos auf.

Neben fachwissenschaftlichen wurden auch zentrale methodische Aspekte des animaliter-Lexikonprojekts behandelt. So widmeten sich die ersten beiden methodisch orientierten Vortäge der Quellenproblematik. Der (verlesene)Vortrag von Aleksander Pluskowski (London) „Perception of wolves in medieval Britain and Scandinavia. The challenge of integrating multiple sources“ zeigte die Bedeutung archäologischer Funde als Quelle für den Realienteil des Lexikons auf. Mit der Quellenproblematik beschäftigte sich auch Baudouin van den Abelle (Louvain-la-Neuve), der in seinem Vortrag „Des encyclopédies aux sermons. Le kaléidoscope des sources latines sur le monde animal“ einen Überblick über die verschiedenen Quellengattungen und ihre jeweils eigenen Besonderheiten gab. Dabei verwies er insbesondere auf die Bedeutung der aristotelischen Tradition im Mittelalter sowie auf das - bisher ausgesparte - juristische und philosophische Schrifttum.

Weitere Vorträge bzw. Impulsreferate äußerten sich zum einen zur Konzeption eines Lexikons, zum anderen zu Möglichkeiten der Vernetzung und Kooperation wie auch der Publikation. Einen Einblick in die konkrete Arbeit an Lexikonprojekten gab Rudolf Suntrup (Münster) mit seinem Impulsreferat „Zahlen und Farben für ein Lexikon. Erfahrungen und Anregungen“. Als besonders wichtig stellte er das frühzeitige Festlegen des Quellenkorpus, die sorgfältige Materialsammlung in einer Zwischenstufe und ein gutes Register zur Erschließung der Artikel heraus. Luuk Houwen (Bochum) berichtete von seiner Arbeit an „A database of animals and animal symbolism in medieval and renaissance Britain“. Er sprach vor allem folgende Problemfelder an: Einheitlichkeit und Umfang der Lexikonartikel, Bestimmung des Textkorpus sowie die Frage nach der ‚Normalinterpretation‘ des Tiers.

Am dritten Tag stellte der (verlesene) Vortrag Heiko Hartmanns (Berlin) „Das Mainzer Tierlexikon als Buchpublikation. Möglichkeiten der verlegerischen Betreuung“ die Vorteile und Möglichkeiten einer Buchpublikation bzw. auch die Nachteile einer Online-Publikation vor. Unter anderem plädierte er für eine Einsprachigkeit des Lexikons oder zumindest für Einsprachigkeit innerhalb eines Artikels. In Bezug auf Online-Publikationen wies er darauf hin, dass diese, bedingt durch raschen Wandel in der Technik, recht schnell veralten würden und sich die Lexikonartikel nach einer bestimmten Zeit eventuell nicht mehr bearbeiten ließen. Schließlich präsentierte Andrea Binsfeld (Trier) in ihrem Vortrag „Das „Handwörterbuch der antiken Sklaverei“ als digitales Lexikon. Ein Vorbild für das Tierlexikon“ ein Lexikon, dessen Struktur das Tierlexikon übernimmt. Als Mitarbeiterin des HAS-Projekts berichtete sie von ihren Erfahrungen mit der Arbeit an einem digitalen Lexikon und gab wertvolle Hinweise beispielsweise zur Erstellung von Registern, für die im Vorhinein klare Kriterien getroffen werden müssen, und in Bezug auf Publikationsmöglichkeiten.

In der Abschlussdiskussion am letzten Tag wurden besonders noch einmal die Einrichtung eines Textcorpus und einer Bilddatenbank besprochen sowie die Bedürfnisse und Wünsche der Benutzer diskutiert. Dabei wurde vorgeschlagen, zunächst aus den bisher vorhandenen Artikeln ein vorläufiges Corpus zu erstellen. Dieses solle für jede Philologie einzeln definiert werden, wobei Überschneidungsbereiche zwischen den Literaturen gekennzeichnet und das je Eigene für jede Philologie hervorgehoben werden solle. Darüber hinaus wurde betont, dass der Benutzer des Lexikons über das zugrunde liegende Textcorpus informiert werden und innerhalb der Artikel ein Vergleich mit den anderen Philologien gewährleistet sein müsse. Allgemein gelte, dass das Lexikon keine fertigen Interpretationen anbiete, sondern den Benutzern Informationen zu den einzelnen Tieren bereitstelle. Im Blick auf die Ikonographie und die damit verbundenen vor allem urheberrechtlichen Probleme wurde auf die Möglichkeit der Verlinkung (bzw. references) mit bereits bestehen Bilddatenbanken verwiesen. Diskutiert wurde schließlich noch das ‚Nachleben‘ der Tiere, ihrer Bedeutungen und Funktionen, in der frühen Neuzeit. Da die Einbeziehung der Rezeptionsgeschichte den Umfang des Lexikons sprengen würde, wurde vorgeschlagen, das 16. Jahrhundert lediglich in Form eines Ausblicks und ohne den Anspruch auf Vollständigkeit einzubeziehen.

Leonie Franz

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