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Zum Zwettler Neufund

Am 28. März 2003 meldeten die Medien einen sensationellen Fund aus dem österreichischen Stift Zwettl. Die Stiftsbibliothekarin Dr. Ziegler präsentierte der Presse einige (schlecht lesbare) Pergamentfragmente, auf denen sie Namen der Nibelungensage erkannte und die sie auf die Zeit um 1100 datierte. Träfe dies zu, handelte es sich um die älteste deutschsprachige Überlieferung der Nibelungensage [siehe die Dokumentation der Medienberichte von K. Graf]. Abbildungen der Fragmente wurden bereits 2002 veröffentlicht, siehe Charlotte Ziegler: Neue Materialien aus der Stiftsbibliothek Zwettl: Walther von der Vogelweide; Nibelungentext; Erec; das Gebetbuch von 1717 - ein unbekanntes Werk des Paul Troger. Zwettl 2002.

In den Medien fanden Dr. Zieglers Datierung und Identifizierung des Fundes größtes Interesse, in der Fachwelt jedoch stießen sie sofort auf Vorbehalte und Ablehnung. Nachdem die Zweifel der Wissenschaftler ab 3. April von informierten Medien zur Kenntnis genommen wurden [ zur "Aspekte"-Sendung vom 11.4.03 vgl. dagegen diese Polemik ], dürfte der FAZ-Artikel des Marburger Altgermanisten Prof. Joachim Heinzle vom 16. April 2003 die Angelegenheit endgültig geklärt haben [ Volltext bei Literaturkritik.de ]. Dr. Ziegler lehnt Heinzles Lesung der Texte entschieden ab, und auch die Salzburger Altgermanistik, die an einer Transkription arbeitet, bleibt skeptisch (News, Meldung vom 8. Aug. 2003 ). So lange eine Transkription und Veröffentlichung der Fragmente (die auf sich warten lassen) nicht das Gegenteil beweisen, gilt Heinzles überzeugender Befund. Wir fassen diesen kurz zusammen.

1. Die Datierung der Zwettler Funde
 
Die gesamte altgermanistische Forschung, die sich bisher zu Wort gemeldet hat, ist sich einig, daß die Zwettler Fragmente nicht im 12. Jh. geschrieben wurden. Nachdem bereits Prof. J. Heinzle (Marburg) und das Leipziger Handschriftenzentrum die Schnipsel auf die Mitte des 13. Jh.s datierten, bestimmte die Münchner Handschriftenexpertin Dr. Karin Schneider, eine unumstrittene Autorität auf dem Gebiet mittelalterlicher Paläographie, die Schrift der Fragmente als "frühgotische Schrift aus dem 2. Viertel des 13. Jh.s". Dr. Zieglers Frühdatierung des Fundes - die die eigentliche Sensation bedeutet hätte, von ihr selbst inzwischen jedoch revidiert wurde - ist damit endgültig vom Tisch.

2. Was wird überliefert? Zur Identifizierung der Fragmente
 
Dr. Zieglers These, daß einige Namen in den Fragmenten auf den Nibelungenstoff hinweisen würden, stieß in der Fachwelt von Beginn an auf Skepsis. Ihre Lesung der verblichenen Fragmente, die sie in einem Artikel in der FAZ (3. April 2003) vorstellte, weist zahlreiche Fehler und Mißverständnisse auf. Prof. Joachim Heinzle kann, wie auch zahlreiche andere Kollegen, keinen einzigen der von Ziegler gelesenen Namen in den bisher veröffentlichten Fragmenten erkennen. Es gibt keinerlei überzeugende Hinweise, daß die Fragmente irgendetwas mit dem Nibelungenstoff zu tun haben (sei es mit dem `Nibelungenlied´ selbst, mit dessen kommentierender Fortführung in der `Klage´ oder mit einem bisher unbekannten Nibelungentext).

3. Der "Zwettler Erec"
 
Zum Zwettler Neufund gehören nicht nur die vermeintlichen Nibelungen-Fragmente, sondern auch einige Schnipsel, die bereits Ziegler als deutsche Version des `Erec´-Romans identifiziert hatte. Die Geschichte von Erec, einem Ritter der Tafelrunde, wird erstmals im altfranzösischen Artusroman `Erec et Enide´ (um 1170) des Chrétien de Troyes gestaltet. Dieser ist Grundlage des etwa um 1185 entstandenen mittelhochdeutschen `Erec´-Romans Hartmanns von Aue. In seinem FAZ-Artikel vom 16. April 2003 legt J. Heinzle überzeugend dar, daß auch die vermeintlichen Nibelungen-Fragmente Text eines deutschen `Erec´-Romans überliefern, und zwar offensichtlich nicht aus der bekannten Fassung, sondern aus einer abweichenden deutschen Version, die sich stärker an Chrétien anzulehnen scheint. Daß neben der bislang Hartmann zugeschriebenen Fassung, die (weitgehend vollständig) nur das Ambraser Heldenbuch zu Beginn des 16. Jh.s überliefert, eine weitere deutsche `Erec´-Fassung im 13. Jh. existierte, bezeugen die bereits 1978 aufgefundenen Wolfenbütteler Fragmente. Zu klären bliebe nun, wie die Zwettler Version sich zu dieser Wolfenbütteler `Erec´-Fassung verhält.

Redaktion Mediaevum.de (Update: 8. Aug. 2003)    

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