Sepulkralsemiotik. Funktionen und Traditionen des Grabmals in der europäischen Literatur des Mittelalters

Laura Elisa Velte

(Univ. Heidelberg)

Status: Dissertation, geplanter Abschluss: 06/2019

http://www.materiale-textkulturen.de/person.php?n=159

Von anderen Formen der memoria ist das Grabmal durch seinen metonymischen Charakter unterschieden. Als Zeichen ist es stets lokal an sein Bezeichnetes gebunden; es zeigt die Nähe dessen an, das es repräsentiert. Damit changiert seine Zeichenhaftigkeit zwischen der notwendigen Absenz und der suggestiven Vergegenwärtigung des toten Körpers – es steht dort, wo der Mensch nicht mehr ist und vermittelt auf diese Weise zwischen Immanenz und Transzendenz. Dass dieser Repräsentationsprozess durch die Kombination zweier semiotischer Systeme gestützt wird, nämlich durch Schrift und Bild, ist eine Innovation des Hochmittelalters und verdankt sich unter anderem der ‚Wiederentdeckung‘ figürlich und inschriftlich ausgezeichneter Grabplastik seit dem 11. Jahrhundert in weiten Teilen Europas. Vor dem Hintergrund zeitgenössischer semiotischer Theorien fragt die Arbeit nach den Traditionen und Funktionen des Grabmals in der mittelalterlichen Literatur. Untersucht werden Figurationen des Ende(n)s im Spannungsfeld von Immanenz und Transzendenz, von Anwesenheit und Abwesenheit, von Schrift und Stimme. Grundlage der Arbeit bilden höfische mittelhochdeutsche Romane des 12.–14. Jahrhunderts sowie ausgewählte lateinische, altfranzösische, altspanische und altitalienische Texte.