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Die Bedeutung von
Mäzenatentum für die Literatur des Mittelalters läßt sich auch heute noch nicht
eindeutig bestimmen, doch herrscht in der germanistischen Forschung weitgehend
Einigkeit darüber, daß Mäzene und Mäzeninnen eine zentrale Rolle im mittelalterlichen
Literaturbetrieb spielten. Nicht selten bestimmte der Geschmack des Mäzens oder
der Mäzenin Form und Inhalt des fertigen Werks entscheidend mit. Obwohl im englischsprachigen
Ausland in den letzten Jahren durchaus Forschungsbedarf bezüglich der Rolle von
Frauen für die Literaturgeschichtsschreibung des Mittelalters gesehen wird, ist
für die deutschsprachige Literatur des Mittelalters seit Joachim Bumkes Darstellung
‚Mäzene im Mittelalter' aus dem Jahr 1979, in dem sich auch ein Kapitel über ‚Die
Rolle der Frau im höfischen Literaturbetrieb' findet, kein weiteres Überblickswerk
erschienen. Bumkes knapp gehaltene Ausführungen beschränken sich vor allem auf
das 12. und 13. Jahrhundert.
Eine Aufarbeitung und Neubewertung der Rolle von Frauen als Gönnerinnen für die
deutschsprachige Literatur des Mittelalters wäre daher durchaus wünschenswert,
auch im Hinblick auf das zunehmende Interesse der Forschung an der Verankerung
der mittelhochdeutschen Literatur innerhalb der mittelalterlichen Lebenswirklichkeit,
etwa im Rahmen der Publikums- und Gönnerforschung oder des derzeit aktuellen Konzepts
der "Literarischen Interessenbildung". Zudem leistet die Arbeit einen Beitrag
zu einer Frauenliteraturgeschichtsschreibung im Rahmen der sogenannten Gender
Studies, indem sie die bisher nur wenig berücksichtigte Bedeutung von Frauen als
Gönnerinnen für die Literaturgeschichte des Mittelalters untersucht und neu bewertet.
Ziel der geplanten Dissertation ist es, anhand von detaillierten Untersuchungen
ausgewählter Beispiele zu einer Neubewertung der Rolle von Frauen als Förderinnen
vor allem höfischer, volkssprachlicher Literatur vom 12. bis 15. Jahrhundert zu
gelangen, wobei die Entwicklung vor dem 12. und im 15. und 16. Jahrhundert ebenfalls
mit einbezogen werden soll, soweit sie Voraussetzungen für die Situation innerhalb
des untersuchten Zeitraums liefert oder Entwicklungen des 12. bis 14. Jahrhunderts
fortführt. Das Hauptaugenmerk wird sich dabei auf den deutschen Sprachraum richten,
jedoch soll wegen der besonderen Vermittlungssituation im Mittelalter von Stoffen
und Werken aus dem französischen, provençalischen und englischen Sprachraum auch
dieser zusätzlich mit berücksichtigt werden, wo dies wünschenswert erscheint.
Besondere Aufmerksamkeit wird in der geplanten Arbeit auch der Rolle von Frauen
für den Prozeß der Vermittlung literarischer Vorlagen gewidmet werden, da sich
durch die mittelalterliche Heiratspolitik innerhalb europäischer Adelsfamilien
vielfältige Vermittlungswege von Literatur ergeben. In diesem Zusammenhang verdient
auch der Aspekt der kognatischen bzw. matrilinearen Vermittlung von kulturellem
Interesse und der Förderung von Literatur innerhalb bestimmter Familien, in denen
es besonders in weiblicher Linie zu einer Art "Tradition des Mäzenatentums" kommt,
große Aufmerksamkeit. Aus diesem Grund soll ein Teil der geplanten Arbeit dem
besonderen Verhältnis von Frauen zu Literatur und der Erforschung der spezifischen
Bildungsvoraussetzungen und Lesekenntnisse gewidmet sein, die erst die Grundlage
für ein Interesse von Frauen des 12. bis 14. Jahrhunderts an der Förderung von
Literatur bilden. Ein weiterer wichtiger Punkt des Dissertationsvorhabens ist,
soweit im Einzelnen möglich, eine genaue Analyse der Gründe, die für die jeweiligen
Gönnerinnen ausschlaggebend waren, um Literatur im allgemeinen und das jeweils
ausgewählte Werk im besonderen zu fördern. Anhand der vorhandenen historisch-biographischen
Informationen sowie anhand der aus dem literarischen Text gewonnenen Rückschlüsse
- sofern diese auf die historische Situation übertragbar sind - soll jeweils herausgearbeitet
werden, welche Gründe für weibliches Mäzenatentum im einzelnen vorliegen und inwiefern
sich dieses vom Mäzenatentum ihrer männlichen Zeitgenossen unterscheidet. Eng
damit verbunden ist ebenso die Frage, ob sich anhand der geförderten Werke ein
Unterschied zwischen den spezifischen literarischen Interessen männlicher und
weiblicher Auftraggeber ausmachen läßt. |