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Die im SFB 226 "Wissensorganisierende und wissensvermittelnde Literatur im Mittelalter",
Würzburg/Eichstätt entstandene Ausgabe "Der deutsche Lucidarius", Band I:
Kritischer Text nach den Handschriften, hg. von Dagmar Gottschall und Georg Steer (TTG
35), Tübingen 1994 wird ergänzt durch den nun erscheinenden Kommentar von Marlies Hamm,
Der deutsche "Lucidarius", Band II: Kommentar (TTG 000), Tübingen 2001. Als
eines der "ältesten und berühmtesten Volksbücher" des Mittelalters hatte der
"Lucidarius" im 19.Jahrhundert erste wissenschaftliche Aufmerksamkeit erregt.
Die kombinierten überlieferungsgeschichtlichen, quellenhistorischen sowie philosophie-
und theologiegeschichtlichen Forschungen innerhalb des SFB haben ein neues Bild von
der Entstehungsgeschichte und der literarischen Bedeutung des "Lucidarius"
erkennen lassen. Wahrscheinlich im letzten Drittel des 12.Jahrhunderts in einem Kloster
des deutschen Südwestens in alemannischer Sprache entstanden (nicht wie bisher angenommen
am Hof Heinrichs des Löwen in Braunschweig), ist das Werk ein Reflex der geistigen Auseinandersetzung
mit den neuen rationalistischen und naturphilosophischen Ideen der Schule von Chartres.
Als erster mhd. Prosatraktat gibt der "Lucidarius" eine systematische Lehre
von Gott, der Welt und dem Heil des Menschen. Die gezielte Vermittlung von Natur- Welt-
und Heilswissen durch einen clericus an ein illiterates Publikum basiert auf der augustinischen
Lichtmetaphysik und stellt sich dar als Weg vom Dunkel der Unwissenheit zum Licht wahrer
Erkenntnis.
Im Vordergrund steht der Abdruck der lateinischen Quellen parallel zur Edition. Als
wesentlichstes Ergebnis zeichnet sich die intellektuelle und literarische Eigenständigkeit
des deutschen "Lucidarius" ab. Er ist keine Übersetzung, sondern der Versuch,
im Rahmen einer trinitarischen Werkkonzeption mithilfe der Dialogstruktur sehr heterogene
Quellen zu einer umfassenden Lehre über Gott und die Welt, zur ersten volkssprachlichen
Enzyklopädie, zusammenzufügen.
Beabsichtigt war keine positivistische Quellenforschung, die kommentierte Stelle sollte
vor ihrem Traditionshintergrund gesehen werden. Ziel war es, den literarischen, philosophischen
und theologischen Standort des Werkes zu bestimmen, seine Orientierung an der Tradition,
seine Einbeziehung neuester wissenschaftlicher Strömungen und sein Einklang mit dem
Denken seiner Zeit. Wo sich keine direkten Vorlagen verifizieren ließen, wurde versucht,
den Umfang der schöpferischen Eigenleistung des Autors zu bestimmen und sie im Zusammenhang
zu sehen mit zeitgenössischem Denken. Daher wurden, soweit nötig und möglich, zur Absteckung
des intellektuellen Rahmens sowohl lateinische als auch mhd. Paralleltexte zitiert,
die generell keine direkte Abhängigkeit andeuten wollen. Auch wenn sie als Quellen nicht
unmittelbar in Frage kommen, sind sie als Zeitzeugen wichtig. Belege aus dem Textcorpus
der mhd. Dichtungen, der Bibelepik, der Predigten dienen zum heuristischen Beleg allgemein
verbreiteter Gedanken, Redewendungen und Topoi, aber auch zum historischen Nachweis,
welche Themen im 12. Jh. relevant waren und verdeutlichen so Entstehungssituation und
erste Rezeptionsphase. Der Versuch, die Wissenssituation der Zeit zu eruieren, soll
die Einmaligkeit gewisser Aussagen belegen.
Die Vermittlerfunktion des Lucidarius wird betont, indem der Kommentar einerseits die
unmittelbar zugrundeliegenden Quellen parallel abdruckt, also die Traditionen, aus denen
er schöpft, als den einen Pol begreift und andererseits die Art der Transformation untersucht,
um die Vermittlungsleistung und Umgestaltung, die vulgarisatio, als Aspekt der Vermittlung
an ein neues Publikum, transparent zu machen. Daher wurden Sprache, Fachwortschatz und
Übersetzungsmodus sowie die Art seiner belehrenden Vermittlung und Verständlichmachung
zusätzlich miteinbezogen. Am Ende kristallisiert sich das Profil des Autors heraus,
seine schöpferische und sprachliche Leistung, aber auch seine Einbettung in die Literatur
und Kultur des 12. Jhs.
Anfragen an:
Dr. Marlies Hamm
Seeweg 24
97209 Veitshöchheim
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