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[1.] Die Arbeit untersucht das Vordringen des Schriftgebrauchs in den mittelalterlichen
Trivialunterricht. Sie geht von der These aus, dass die Institution 'Schule' in
der Forschung zu einseitig als Heimstätte lateinischer Schriftlichkeit wahrgenommen
wird, die dem mittelalterlichen Verschriftlichungsprozess lediglich die Voraussetzungen
bereitgestellt habe. Zu zeigen ist demgegenüber zweierlei: 1. 'Schule' hat am
Prozess der Verschriftlichung auch insofern Anteil, als sie selbst zunehmend auf
Schriftlichkeit zurückgreift und das neue Medium intensiver für ihre Zwecke zu
nutzen lernt. 2. Die in die Historisierung des Schriftgebrauchs im Mediengebrauchsraum
'Schule' eingeschlossene Frage nach den Verschriftlichung antreibenden Motoren
lässt sich nicht einfach unter Verweis auf zweckhaft-rationalen Gebrauch des Mediums
beantworten. Auch 'Schule' muss die Leistungsfähigkeit ihrer Medien erst entdecken.
Dabei leisten der pädagogische Diskurs des 16. Jahrhunderts und der Buchdruck
im 15. Jahrhundert wichtige Hilfestellungen. Demgegenüber wird die Verschriftlichung
des mittelalterlichen Schulunterrichts vom zeitgenössischen pädagogischen Diskurs
eher blockiert.
[2.a] Das Materialkorpus der Arbeit ist zweigeteilt in ein lateinisches und
ein lateinisch-deutsches. Es umfasst zum einen ca. 160 lateinische Text- und Kommentarhandschriften
(und einigen Druckausgaben) eines Schultextes, der vom 8. bis 16. Jahrhundert
für Unterrichtszwecke herangezogen wurde ('Fabulae Aviani'). Auf der Grundlage
der erstmals systematisch erhobenen und in gebrauchsfunktional ausgerichteten
Kurzbeschreibungen nach einheitlichen Kriterien zugänglich gemachten Überlieferungszeugen
wird nachgezeichnet, auf welche Weise Schriftlichkeit das Studium von Texten zwischen
dem 8. und dem 16. Jahrhundert in verschiedenen Etappen transformiert.
[2.b] Zum zweiten umfasst das Korpus die - wiederum erstmals systematisch erhobenen
und einheitlich beschriebenen - Handschriften der lateinisch-deutschen 'Disticha
Catonis' vom 13. Jahrhundert an (ca. 130 Handschriften) bis zu den Druckausgaben
des 16. Jahrhunderts (ca. 140 Ausgaben). Mit diesem zweisprachigen Korpus wird
die Leitfrage nach dem Vordringen der Schriftlichkeit enger auf das Vordringen
der Volkssprache in den Trivialunterricht als eine Facette dieses Vorgangs eingestellt
und nachgezeichnet, wo, wie und warum im Lateinunterricht zunächst allenfalls
in gesprochener Form lizensiertes Deutsch allmählich in geschriebenes Deutsch
transformiert wird.
[3.] In methodischer Hinsicht nimmt die Untersuchung einen Anstoß der systemtheoretischen
Auseinandersetzung mit der rezenten pädagogischen Theoriebildung auf, indem sie
die Unterrichtssituation als Kerngeschehen von 'Schule' in den Mittelpunkt stellt.
Damit wird ein zentrales Problem der Quellenanalyse, die Relationierung von Text/Handschrift
und Kontext, zugleich verschoben wie auf neue Weise gefasst: Im methodischen Ausgang
von der 'Unterrichtssituation des Textes' braucht die Institution 'Schule' nicht
mehr als immer schon vorhandener Rahmen von Unterricht unterstellt zu werden,
sondern wird im Ausschnitt unterrichtlichen Texthandelns einer Analyse ihrer Institutionalisierung
überhaupt erst zugänglich. Ein zentraler Ausgangspunkt dieser Analyse ist zunächst
das Arrangement von Grundtext und Erläuterung auf der handschriftlichen Seite,
das mithilfe des Konzepts der 'impliziten Gebrauchsstruktur' ausgewertet wird.
[4.] Für weitergehende Information s. "http://www.baldzuhn.de/projekte.html".
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