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Das Paradigma "Aufführung" ist für den Minnesang in der jüngeren Forschung
anhand vieler genereller Analysekategorien erörtert worden, doch wurden die Forschungsergebnisse
bislang nicht anhand "moderner Performanz" überprüft. Dies soll hier geschehen;
Die Arbeit will zwei verwandte Kunstgattungen miteinander vergleichen, die sich
diachron in einer ähnlichen Kunstrichtung bewegen - Minnesang und Rock. Die gestellte
Grundfrage ist: Wie interpretiere ich einen für eine Performance konzipierten
Liedtext, der einer anderen Poetik und einer anderen ästhetischen Erfahrung unterliegt
als ein genuin schriftlicher Text? So wie die Analyse von epischen und lyrischen
Texten an ebendiesen (nämlich episch und lyrischen) Texten und wie die Analyse
von Dramen an ebendiesen (nämlich an Dramen) entwickelt wurde, so sollte die Analyse
von Liedtexten gleichermaßen an ebendiesen, nämlich an Liedtexten, entwickelt
und erprobt werden. Dass diese Handhabung hierbei ein neues Paradigma für "Lyrik"
öffnet, liegt in der Natur der Sache.
Basis der Arbeit und ihrer Legitimation ist eine detaillierte produktions-
und rezeptionsästhetische Darstellung des Minnesang (und der Rockmusik als
einem ausgewählten modernen Gegenstück) in umfangreicher Erweiterung und
Modifikation des für mittelalterliche Literatur vorgestellten
Kommunikationmodells von Paul Zumthor. In Anlehnung auch an Dennis Howard
Green und Jan-Dirk Müller soll differenziert und veranschaulicht werden, was
Minnesang im Spannungsfeld zwischen "Schrifttexten" und "Vortragstexten"
eigentlich sei. Inwieweit - oder ob überhaupt - ein "Performanz-Modell"
hierbei für die Interpretation von Minneliedern brauchbar ist, soll eine
experimentelle Studie moderner Liedtexte und ihrer Aufführung zeigen helfen.
Ergänzt um einen produktionsästhetischen Fragenkatalog soll diese Studie
Rückschlüsse auf eine generelle Methodik zur Analyse performter Liedtexte
(und ihrer Poetologisierung) liefern. Denn moderne Songs wie die der
Rockmusik ermöglichen uns ja gerade das, was für den Minnesang in der
Distanz der Zeit verloren geht und der Forschung deshalb so erhebliche
Schwierigkeiten im Umgang mit dieser alten Liedgattung bereitet: eine
unmittelbare Vergleichbarkeit der Interpretation eines schriftlich bewahrten
Liedtextes mit der Interpretation des gleichen Textes als "Vortragstext" in
seiner Aufführung live vor Publikum.
Hier kann sich zeigen, wie Deixis oder "performative Selbstwidersprüche"
eines Liedtextes denn in realis zu bewerten sind, und wie Grammatik und
Textkohärenz von Liedtexten aussehen. Was bedeutet es beispielsweise, wenn
Jon Bon Jovi live vor Publikum auf der Bühne stehend "I can't sing a love
song" singt - und genau dies selbst Negierte aber in diesem Moment tut? Oder
was bedeutet es, wenn Bruce Springsteen vor 5.000 anwesenden Zuhörern
intimste Liebesgeständnisse an eine einzelne Dame richtet, die nach der
Selbstaussage des textinternen "Ich" explizit nicht für andere Ohren
bestimmt seien? Die Erörterung beinhaltet eine Neudefinition des "Rollen
"begriffs und der Vorstellung eines "lyrischen Ich", die auch für die
Erzähltheorie im Allgemeinen ein neues Paradigma schafft. Im Themenkomplex
um Grammatik und Textkohärenz geht es auch um Überlieferung und
Lesartenfrage; eine statistische Untersuchung zur linguistischen Pragmatik
der Oeuvres dreier Sänger/Künstler (Bryan Adams, Bon Jovi, HIM) runden hier
das Bild ab.
Behandelte Sänger/Künstler (Auswahl; Änderungen vorbehalten): Reinmar,
Walther, Hartmann, Neidhart, Morungen, Kürenberger, Bon Jovi, Bryan Adams,
HIM, Robbie Williams, Manowar, Die Toten Hosen.
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