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Tagungsberichte

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Tagungsberichte

Fremde in der Stadt. Ordnungen, Repräsentationen und Praktiken (13.-15. Jahrhundert)

[15.-16. Februar 2008, Rheinisches Landesmuseum Trier]


Zum zweiten Mal nach 2004 richtete das Teilprojekt C2 „Ordnungen der Bilder. Repräsentation von Fremdheit und Armut in Kunst und visueller Kultur Italiens (13.-16. Jahrhundert)“ des Trierer Sonderforschungsbereichs 600 „Fremdheit und Armut. Wandel von Inklusions- und Exklusionsformen von der Antike bis zur Gegenwart“ eine internationale Tagung aus 1. Vom 15.-16. Februar des Jahres hatten der Projektleiter Gerhard Wolf und seine Mitarbeiter Peter Bell und Dirk Suckow Kunsthistoriker, Historiker und Literaturwissenschaftler aus Europa und den Vereinigten Staaten in das Rheinische Landesmuseum Trier geladen. Im Zentrum der Tagung stand die Frage nach Strategien der Inklusion und Exklusion von Fremden in den italienischen Städten des späten Mittelalters. Bereits die das Programm begleitenden Illustrationen, die christliche Pilger, orientalisch gekleidete Konzilateilnehmer und einen schwarzen Diener zeigen, ließen das breite Spektrum, aber auch die Mannigfaltigkeit der Visualisierungstsrategien erkennen, die mit dem Begriff des Fremden sich eröffnen. Neben den im Umgang mit Fremden sich herausbildenden sozialen und politischen Ordnungssystemen in den italienischen Kommunen des Spätmittelalters war es vor allem das komplexe Wechselspiel von Repräsentationen und sozialen Praktiken, welches die Diskussion bestimmte. Die Mehrheit der Beiträge nahm die großen, durch Quellen gut erschlossenen Städte Italiens - Florenz, Rom und Venedig - in den Blick, während der Westen und Norden Europas, aber auch kleinere italienische Kommunen und Landschaften am Rande vertreten waren.

Mit der Frage nach den Rändern und Zentren setzte denn auch die Tagung ein. MONIKA E. MÜLLER (Tübingen) nahm wenig bekannte Konsolfiguren der Basilika San Nicola in Bari und des Doms San Corrado in Molfetta zum Anlaß, den Ort und die Bedeutung von Fremdbildern in der Skulptur Apuliens zu diskutieren. Die kaum einsehbare Konsolplastik sei - so ihre These - prädestiniert, gesellschaftlich und moralisch ausgegrenzte Randgruppen zu zeigen, die in dem für seine Geschichte wechselnder Fremdherrschaften bekannten Apulien stets gegenwärtig waren. Während am Außenbau von San Nicola zu Beginn des 12. Jahrhunderts Ritterköpfe in den Konsolen des südlichen Langhauses von turbantragenden, bartlosen Sarazenen am nördlichen Langhaus getrennt waren, was die Referentin als eine Trennung von nahen und fernen Fremden vorstellte, treten in der Jahrhundertmitte im Kircheninneren Turbanträger zusammen mit Monstern, Tieren und antikisierenden Masken auf, die das Fremde zum Gegenbild der eigenen Ordnung werden lassen. Vor allem durch wulstige Lippen und lockiges Haar gekennzeichnete „negroide“ Köpfe besitzen zudem eine verzerrte Mimik. Im 15. Jahrhundert verbinden einzelne Konsolköpfe dann „negroide“ Züge mit solchen, die bislang Sarazenen vorbehalten waren. Nicht eine bestimmte Ethnie, sondern ein aus Versatzstücken komponiertes Bild der Fremdheit, mithin der Barbarei werde hier kreiert. Es war vor allem diese These der reinen, zum 15. Jahrhundert und dem Fall Konstantinopels hin sich steigernden Negativform, die Fragen nach der Kontextualisierung von Fremdbildern und den Möglichkeiten der Interpretation aufwarf. Inwieweit etwa die Ordnung der Bilder derjenigen der Gesellschaft entspräche, die Konsolköpfe mithin gesellschaftliche Ordnungen abbilden wurde ebenso diskutiert, wie die Frage nach dem Motivrepertoire, das in Apulien besonders stark von antikisierenden Formen geprägt ist. Zugleich wurde die Notwendigkeit klar definierter Beschreibungs- und Bewertungskriterien deutlich, muß doch nicht jedes Fremdbild zugleich auch ein Negativbild sein.

Die Historikerin MARISA COSTA (Lissabon) nahm mit Portugal eine weitere Randregion Europas in den Blick, die ähnlich wie Apulien Pilger, Kaufleute und Kreuzritter aus ganz Europa anzog. Viele dieser Fremden entschieden nun aber, sich in dem am äußersten Rand der bekannten Welt gelegenen Landstrich niederzulassen, was nicht zuletzt der im 12. und 13. Jahrhundert wachsenden wirtschaftlichen Bedeutung des jungen Königreiches und seiner ökonomisch wie strategisch günstigen Lage zwischen Atlantik und Mittelmeer geschuldet war. In einer solchen multiethischen Gesellschaft sind es denn nicht Feindbilder, sondern Formen des Zusammenlebens, die Vertrautheit und der nachgerade alltägliche Umgang mit Fremden aus dem nahen und fernen Europa, die das Leben in den noch jungen portugiesischen Städten bestimmen.

Die erste Tagungssektion schloß mit einem Beitrag zu Venedig, und damit zu einem der Zentren. ALBERTO SAVIELLO (Florenz) stellte Bilder im öffentlichen Raum vor, mit denen die Serenissima ihr Verhältnis zu den in der Handelsstadt stets gegenwärtigen Fremden definiere, und zwar sowohl für die Gäste wie auch die Einheimischen. Dabei dienen meist Kleidung und Physiognomie zur Kennzeichnung von Andersartigkeit, es werden aber kaum je bestimmte Ethnien mimetisch genau wiedergegeben, weshalb sich die Frage nach dem Bildverständnis stellt. Saviello konzentrierte sich auf den Ort und die Funktion des Fremden im Bild, um nichts weniger als eine Bildtopographie der Fremdheit zu entwickeln. Hierzu wurde zunächst das Pfingstmosaik der Westkuppel von San Marco (Mitte 12. Jh.), an dessen Rändern die fremden Völker, denen der Missionsauftrag gilt, unterhalb der Apostel stehen, mit dem Mosaik der Baptisteriumskuppel verglichen (erste Hälfte 14. Jh.). Hier erteilt Christus im Zentrum den Taufbefehl, während die um ihn versammelten Apostel Angehörige fremder Völker taufen, die ihnen damit nicht mehr untergeordnet, sondern gleichgestellt seien. Saviello sieht in diesem Wechsel der Bildsprache das Selbstverständnis Venedigs ausgedrückt, das sich nicht zuletzt aufgrund seiner wirtschaftlichen Interessen zum Zentrum der christlichen Weltmission stilisiere, verlange doch der Ausbau der Handelsbeziehungen den Umgang mit den Fremden, die eben gerade keine Barbaren sein durften. Die Präsenz fremder Völker durchzieht denn auch die venezianische Chronistik und wird dort als Indiz für die Bedeutung Venedigs verstanden. In einem in neuzeitlicher Nachbildung erhaltenen Kapitell des Dogenpalastes (14. Jh.), das mittels physiognomisch äußerst sorgfältig gestalteter Köpfe die Völker der Welt zeigt, denen mit den Lateinern auch die eigene Ethnie beigeordnet wird, und schließlich in einer im Umkreis Giovanni Bellinis entstandenen Darstellung des Emmausmahles in San Salvador, bei der Christus mit einem Orientalen das Brot teilt, was mit Blick auf den Stifter als diplomatisch motiviertes Inklusionsangebot zu verstehen sei, sieht Saviello seine These bestätigt. Die gewählten Beispiele bieten jedes für sich vielfältige Ansatzpunkte zur Entwicklung einer venezianischen Bildersprache der Fremdheit, doch muß vor der Gesamtschau die Analyse der je einzelnen Entstehungskontexte und Bezugssysteme stehen.

Konzentrierten sich die Vorträge der ersten Sektion auf anders- und ungläubige Fremde, auf Händler und Kaufleute, standen Fremde innerhalb der eigenen Gesellschaft im Zentrum der zweiten Sektion, die sich dem Zusammenleben in geteilten Räumen widmete. Den Anfang machte CHRISTIANE ESCHE-RAMSHORN (Cambridge) mit einem Beitrag zu Organisation, Gestalt und Ausstattung der seit dem Quattrocento in Rom in unmittelbarer Nähe zu Alt Sankt Peter nachweisbaren Pilgerzentren, die ihren Gästen von der Herberge über das Hospital und die Kapelle bis hin zum eigenen Friedhof die nötige Infrastruktur in der fremden Stadt bereitstellten. Auf diese Weise entstanden schon früh eigene Räume für ungarische, deutsche, armenische und äthiopische Christen, die bei der Gestaltung ihrer Zentren einerseits die eigene „nationale Identität“ präsentierten, andererseits den Vorgaben des Vatikans zu folgen hatten. Es war mithin zu fragen, wie viel Vielfalt die geistliche Einheit verkraften konnte, wie sich die Toleranz des multiethischen Pilgerzentrums Rom von Fall zu Fall mit dem Kirchenrecht in Einklang bringen ließ, hätten doch beispielsweise die äthiopischen Christen streng genommen als Häretiker zu gelten, und schließlich, wie auf dem heiligen Boden Roms und Sankt Peters nationale heilige Räume eingerichtet und akzeptiert werden konnten.

Das Verhältnis zwischen lateinischen und griechischen Christen untersuchte GABRIELE KÖSTER (Magdeburg) am Beispiel der Aufnahme des byzantinischen Kardinals Bessarione in die in Venedig hoch angesehene Scuola Grande di Santa Maria della Carità. Bessarione engagierte sich als päpstlicher Legat für die Kirchenunion und hielt sich 1463-64 in Venedig auf, um für einen Kreuzzug und die Rückeroberung Konstantinopels zu werben. Nicht etwa in eine Nationalbruderschaft der Griechen ließ er sich aufnehmen, sondern in die Laienbruderschaft der Santa Maria della Carità, der er anläßlich seiner Aufnahme eine byzantinische Staurothek mit kostbaren Herrenreliquien stiftete, die noch zu seinen Lebzeiten in Gegenwart des Dogen in feierlicher Prozession in die Scuola Grande überführt wurde. So scheint hier ganz bewußt eine Kontinuität mit der Frühgeschichte Venedigs als byzantinisches Territorium angestrebt worden zu sein, also mit Bessariones Heimat. Zwar ist die Aufnahme hoher Staatsgäste in venezianische Laienbruderschaften seit dem 14. Jahrhundert mehrfach bezeugt, doch wurde Bessarione zudem die Ehre zuteil, dem Patriziat der Stadt zuzugehören, womit kaum mehr zwischen dem Fremden und dem Landsmann zu unterscheiden ist. Am prominenten Beispiel Bessariones wird deutlich, wie das Konzept der Fremdheit einem stetigen Wandel unterliegt, in Momente größerer Nähe und Ferne sich ausdifferenzieren kann und so unterschiedliche „Schwellenhöhen“ und Modi der Inklusion und Exklusion erzeugt.

Eben dies vertiefte der Historiker BENJAMIN SCHELLER (Berlin / Pisa), derdie Quellen zum Umgang mit den konvertierten Juden in der apulischen Hafenstadt Trani vom Zeitpunkt der Massenkonversion 1291 bis ins spätere 15. Jahrhundert ausgewertet und statistisch erschlossen hatte. Waren die Neuchristen zunächst weiterhin als Juden behandelt worden, hatten also die entsprechenden Abgaben zu entrichten und erhielten im Gegenzug eine Schutzgarantie, forderte 1311 ein Mandat Roberts I. ihre Umsiedelung in den Städten, um die räumliche Kontinuität der alten Riten zu brechen und sie so der städtischen Gesellschaft einzugliedern. In Trani wurden die Konvertierten schließlich 1413 den Stadtbürgern gleichgestellt, dabei allerdings weiterhin als eigener Stand behandelt, nur um diese Rechte 1493 wieder aufzuheben und die noch immer als Neuchristen geltenden Konvertierten aus der Stadt zu vertreiben. Es sind hier somit politische und physische Akte der Inklusion bzw. Exklusion zu beobachten, die sich auch und vor allem im sozialen Netzwerk der Konvertierten abzeichnen, in der Wahl ihrer Ehepartner und den Geschäftsverbindungen, die Scheller aus den Quellen heraus zu rekonstruieren vermochte.

Mit der Funktion der Fondaci schließlich, den seit der griechischen Antike bekannten, zunächst karitativen Herbergstypen, die in gewandelter Form als Handelsniederlassungen Fernhändlern und Pilgern seit der Zeit der Kreuzzüge aus den muslimischen Hafenstädten des östlichen Mittelmeerraumes vertraut waren, beschäftigte sich UWE ISRAEL (Venedig). Seit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts entstand am Rialto der Fondaco dei Tedeschi, der nicht allein eine erste Anlaufstelle für die in der Stadt tätigen Händler aus dem europäischen Norden, aus Deutschland, Polen, Böhmen und Ungarn war. Ihre Organisation im Fondaco, der sich unter venezianischer Leitung zu einer Stadt in der Stadt entwickelte, erlaubte es, die Aktivitäten der fremden Händler zu kontrollieren. Freizügigkeit innerhalb Venedigs war für diese Personengruppe nicht vorgesehen. Von der Unterkunft über den Handelshof bis zur Mensa und Schenke fanden sie alles nötige im Fondaco, ihre Kontakte waren reglementiert und ihren geschäftlichen Aktivitäten ebenso strikte Regeln auferlegt. Der während der Nacht auch im wörtlichen Sinn abgeschlossene Raum des Fondaco erlaubte es, die Fremden vom städtischen Leben der Venezianer auszuschließen und markiert damit zugleich eine spezifische Form inkludierenden Exklusion.

Einen Höhepunkt der Tagung bildete zweifellos der öffentliche Abendvortrag im Palais Walderdorff, für den die Organisatoren mit ARNOLD ESCH (Rom) einen der besten Kenner der römischen und italienischen Geschichte gewinnen konnten. Auf ebenso geistreiche wie eloquente Weise erläuterte Esch, vor welche Schwierigkeiten die Quellen den Historiker stellen, will er sich mit Fremden in italienischen Städten des Mittelalters beschäftigen. Da ist zum einen das längst nicht klar umrissene Profil der Fremdheit: Der Florentiner ist in Rom ein Fremder, pflegt diesen Status vielleicht sogar, wenn er sich als Gast auf Zeit dort aufhält. Unterscheidet sich nun seine Fremdheit von der eines Deutschen oder Griechen in Rom? Es ist zwischen fernen und nahen Fremden, zwischen Christen und Heiden, zwischen jenen, die für eine bestimmte Zeit kommen und jenen, die bleiben möchten zu unterscheiden. Für manche wird es erstrebenswert sein, sich zu integrieren, mithin ihre Fremdheit abzustreifen. Andere werden sie bewußt zu bewahren suchen. Esch führt das Beispiel der in Rom ansässigen Florentiner Juristen an, die ihre Dienste den in der fremden Stadt unter Fremden sich bewegenden Landsleuten anbieten und von ihnen als besonders vertrauenswürdig erfah¬ren werden, eben weil sie zu ihnen gehören. Die soziale Stellung spielt eine Rolle: Diener oder Herr, Diplomat oder „Gastarbeiter“, Pilger oder Kaufmann. Dies vor allem, weil Fremdsein in den Quellen nicht notwendigerweise und für jeden gleichermaßen berichtenswert erscheint. Hier sind die Findigkeit des Historikers und seine Kenntnisse der sozialen und gesellschaft¬lichen Netzwerke gefordert, um die Fremden in den Städten zuallererst aufzuspüren.

Die Frage nach der Identifizierung der Fremden stand mit der Sektion: „Körper - Zeichen - Zuschreibung“ am Beginn des zweiten Tages. PETER BELL (Trier), einer der Organisatoren der Tagung, beschäftigte sich mit der visuellen Kennzeichnung von Fremdheit. Dabei ging es nicht nur um die Selbstrepräsentation der Fremden, die sich in Trachten und Kleidungsstücken, einer einprägsamen Physiognomie oder spezifischen Verhaltensweisen äußert, sondern besonders um Fremdmarkierungen. Diese werden sowohl im Stadtbild wie auch in der bildlichen Repräsentation immer dann wichtig, wenn Personen oder Personengruppen, die von der Mehrheitsgesellschaft als fremd empfunden werden, äußerlich nicht oder nicht mehr als Fremde zu erkennen sind. Gerade die Gruppe der Juden erwies sich für eine solche Fragestellung als besonders geeignet, berichten doch die Schriftquellen in dichter Folge von der Notwendigkeit der Kennzeichnung, die vor allem im Interesse der Nicht-Juden liegt, stellen sie doch damit sicher, nicht für Juden gehalten zu werden. Es ist mithin die eigene Selbstwahrnehmung, welche eine Ausgrenzung der Anderen notwendig erscheinen läßt, zumal ganz offensichtlich eine irgend geartete visuelle Unterscheidung ohne das Mittel der Kennzeichnung nicht mehr möglich war. Gelbe Flecken auf der Kleidung, Judenhüte und heraldische Zeichen werden denn in den Bildern zur Festschreibung der Fremdenrolle eingesetzt, dem Körper ein- oder ihm symbolisch zugeschrieben. Auch der gelbe Lederstrumpf, der sich von der farbenfrohen Tracht der zu Konzilszeiten in Italien präsenten Griechen herleitet, verselbständigt sich in einem solchen Transformationsprozeß rasch zu einem Label der Fremdheit, dem Zeichencharakter zukommt.

MICHAIL CHATZIDAKIS (Florenz) fügte der Diskussion mit seinem Beitrag insofern eine neue Facette hinzu, als er nicht Fremde in Italien in den Blick nahm, sondern mit dem Humanisten Ciriaco d'Ancona (1391-1452) einen Italiener, der sich auf seinen Reisen nach Griechenland unter die Fremden begab, um für seine Landsleute von ihnen und ihrer Kultur zu berichten. In seinen heute verlorenen »Commentaria«, die ihm den Ruf eines zweiten Pausanias einbrachten, dokumentierte der Gelehrte getreulich die Stationen seiner Reise, vornehmlich antike Stätten, und zeichnete sich dabei durch ein in dieser Form kaum gekanntes Interesse an der Epigraphik aus. Sein Bericht vermittle - so Chatzidakis' These - im Unterschied zum bislang Üblichen kein topisch nach der eigenen Kultur und der eigenen Tradition geformtes Bild Griechenlands, sondern sei eine aus der persönlichen Anschauung gespeiste Darstellung, der an der Präsentation einer fremden, eigenständigen Kultur gelegen war.

Der einzige literaturwissenschaftliche Beitrag der Tagung wählte einen konträren Ansatz, stellte doch MARTIN PRZYBILSKI (Trier) das in den literarischen Texten des Mittelalters gezeichnete Bild der Juden nicht etwa als Reflex des Zusammenlebens von Christen und Juden in den mittelalterlichen Städten vor, sondern als vollständig konstruiert. Es handle sich hier mithin um ein Rollenbild, das seit der christlichen Spätantike vertraute Stereotype meist negativer Prägung aufgreift und weiterschreibt, also gerade nicht aus dem unmittelbaren Umgang miteinander entwickelt worden war. Als Motiv für die Genese solcher Fremdheitskonstrukte, die letztlich literarische, mithin fiktive Figuren formen, bestimmte Przybilski die Angst der christlichen Mehrheitsgesellschaft vor dem Auflösen der Grenzen zum fremden Anderen innerhalb der eigenen Kultur, für das die jüdische Minderheit steht, waren doch Christen und Juden im Alltag jenseits der zuvor bereits diskutierten äußeren Markierungen oft kaum zu unterscheiden. Dieser der aktuellen Alteritätsforschung verpflichtete Ansatz erfuhr eine weitere, für die Tagung zentrale Präzisierung durch die Auswertung nicht allein der von christlichen Autoren stammenden Texte über Juden, wie sie sich bei wie Berthold von Regensburg, Priester Konrad oder Freidank finden, sondern auch jüdischen Schrifttums. So verwendet etwa der am Ende des 13. Jahrhunderts von einem wohl askenasischen Autor geschriebene »Nizzachon vetus« von den Christen entwickelte Vorurteile gegenüber Juden, um sie aus jüdischer Sicht zu interpretieren und - nun ins Positive gewendet - wiederum zur Abgrenzung der eigenen Identität gegenüber den Christen einzusetzen. Das Zusammenleben haben hier Fremd- und Selbstwahrnehmung so miteinander verschmelzen lassen, daß die eigene Identität nurmehr mit Blick auf die Anderen zu formen ist.

Die beiden ersten Vorträge der abschließenden Sektion „Besitzen und Beschreiben“ ergänzten sich auf ideale Weise, beschäftigten sich doch beide mit der Repräsentation von Sklaven. Der Historiker CRISTOPH CLUSE (Trier) wertete hierzu Statuten und Notariatsurkunden v.a. Genueser und Florentiner Provenienz des 14. und 15. Jahrhunderts aus, der Kunsthistoriker und Mitorganisator der Tagung, DIRK SUCKOW (Trier), spürte der Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit von Sklaven in Bildern nach. Vor allem in den Hafen- und Handelsstädten des Nordens, aber auch in den italienischen Kolonien im östlichen Mittelmeerraum und auf Sizilien war die Sklaverei verbreitet, wobei Sklaven und Sklavinnen meist als Haushaltshilfen beschäftigt wurden. Wie Suckow ausführte, verdichten sich in dieser Gruppe die unterschiedlichsten Fremdheitszuschreibungen, sind Sklaven doch ethnisch, sozial, kulturell, rechtlich und meist auch religiös Fremde. Darüber hinaus gehende Aussagen lassen sich dagegen nur schwer treffen, da für die Sklaven die Selbstdarstellung sowohl in den Schriftquellen wie auch der visuellen Repräsentation ausfällt. Der Blick auf sie eröffnet sich stets aus der Perspektive ihrer Besitzer, aus der Sicht der Städte und Kommunen. Am häufigsten erscheinen sie in Urkunden, in denen die stets gleichen Lebensstationen notiert werden: der Kauf, das Verdingen oder die Freilassung. Die Beschreibung des einzelnen Sklaven geht dabei über das absolut Nötige etwa zu Größe und Statur nicht hinaus, und auch die Namen sind wenig aussagekräftig, handelt es sich doch meist um christliche Vornamen, die den Sklaven erst in der Gefangenschaft gegeben wurden. Treten die im Moment der Versklavung Ungläubigen zum Christentum über, stellen sich ethische Probleme, die zu diskutieren sind. Der freigelassene Sklave wird vielfach zum Diener, womit sich einmal mehr der Grad der Fremdheit wandelt. Auch das Interesse an der Darstellung von Sklaven in Bildwerken beschränkt sich auf wenige Themenfelder. In den Bildprogrammen des Trinitarierordens etwa, der sich der Gefangenenbefreiung verschrieben hat, sind Sklaven immer wieder präsent, Sklaverei selbst erscheint hier jedoch primär als religiöse Metapher. Meist aber bleiben sie in der Bilderwelt des Spätmittelalters unsichtbar, sind nicht bildwürdig beziehungsweise - sofern nicht Ketten oder vergleichbar eindeutige Attribute sie identifizieren - oft nicht von freien Dienern und Knechten zu unterscheiden.

MEGAN HOLMES (Michigan) untersuchte aus der Begegnung mit Farbigen erwachsene religiöse und historische Diskurse am Beispiel des in Italien vielfach überlieferten Wunderberichts von der Frau eines reichen Mannes, die ein sehr schwarzes Kind zur Welt brachte, daraufhin von ihrem Ehemann des Ehebruchs mit dem dunkelhäutigen Diener bezichtigt wurde und in ihrer Verzweiflung zur Mutter Gottes betete, woraufhin das Kind zum Beweis ihrer Unschuld seine Farbe wechselte und hellhäutig war. Die Mirakelbücher des 14. Jahrhunderts lassen die Geschichte in der umbrischen Stadt Narni spielen. Dieser Version folgt ein Agnolo Gaddi zugeschriebenes Glasfenster in Orsanmichele in Florenz (Ende 14. Jh.), das mehrere Marienwunder zeigt. Der Ehemann ist hier ein Ritter, der des Ehebruchs bezichtigte Diener ein Sarazene. Beide stehen im Haus, während die Frau vom Ehemann nach draußen verstoßen wird, sich das Wunder des Farbwechsels außerhalb des häuslichen Bereichs abspielt. Im 16. Jahrhundert begegnet die Geschichte wieder in einer mit Holzschnitten illustrierten Sammlung der Wunder der Santissima Annunziata. Die Handlung ist jetzt nach Florenz verlegt, und zwar in das Schlafgemach der Ehefrau. Der Diener ist ein Mohr, der Ehemann ein reicher Kaufmann, der von der Gattin verlangt, sich durch Gift das Leben zu nehmen, wogegen diese sich drei Tage lang standhaft wehrt, bis das Kind auch hier auf wundersame Weise die Hautfarbe wechselt. Die Einbindung des Geschehens in das eigene Leben wie auch den Wandel der Bildsprache erklärte Holmes mit der seit Anfang des 15. Jahrhunderts belegten Gegenwart einer kleinen Gruppe farbiger Sklaven in Florenz, die augenscheinlich die Ordnung des häuslichen Lebens wenn nicht bedrohte, so doch zumindest zu Reaktionen herausforderte, wobei auch hier dem Sklaven - an sich ja einer der Hauptakteure - allenfalls die Rolle des Statisten bleibt.

Der letzte Vortrag von PHILINE HELAS (Rom) zu Status und bildlicher Repräsentation von Schwarzen zur Zeit der Renaissance in Italien griff zentrale Aspekte der bisherigen Debatte auf und erweiterte sie insofern, als Helas weniger an der Darstellung von Schwarzen in ihrer Funktion als Vertreter einer Randgruppe - der Fremden, Sklaven etc. - gelegen war, sondern vielmehr ihre Repräsentation innerhalb der Mehrheitsgesellschaft interessierte. So diskutierte sie Beispiele der Inklusion von Schwarzen in die christliche Bilderwelt, wie sie vor allem in historischen Darstellungen, dort sogar oftmals als Würdeformel zu finden ist. Eine Transformation negativ konnotierter Schwarzenbilder ins Positive konnte sie an der Visualisierung der Wunderberichte von Cosmas und Damian aufzeigen. Exemplarisch für die Erweiterung eines bestehenden Bildformulars um dunkelhäutige Personen mit inkludierendem Impetus diskutierte Helas die Matricola der Misericordia von Perugia. Wenn auch in den hier analysierten Bildern die Sichtbarkeit der Schwarzen gegeben ist, bleibt diese doch auf männliche Schwarze beschränkt. Zumindest in der italienischen Kunst lassen sich dagegen kaum Beispiele für weibliche Schwarze finden. Mit ihrem bewußt breit angelegten Programm, das im Vorfeld keine eingrenzende Definition dessen, was unter Fremden und Fremdheit im italienischen Spätmittelalter zu verstehen sei vorgab, gelang es der Tagung, eine Fülle lohnender Forschungsfelder vorzustellen. Rasch zeigte sich aber auch die Notwendigkeit der Kontextualisierung, da für Gast und „Gastarbeiter“, für Herren und Diener, für nahe und ferne Fremde je eigene Fragensysteme zu entwickeln sind. Gleiches gilt für die Auswertung der Quellen. So scheinen Bilder ebenso wie Texte nicht notwendigerweise Realität abzubilden, sondern je eigene Vorstellungen von Fremdheit überhaupt erst zu konstruieren, was direkte Rückschlüsse auf das gesellschaftliche und soziale Leben in den italienischen Städten zumindest erschwert. Als besonders fruchtbar erwies sich hier die Einbindung der Literaturwissenschaft, ist doch dort die methodische Diskussion zu Fragen der Alterität derzeit weiter fortgeschritten als in der Kunst- und Geschichtswissenschaft. Hier sind weitere Impulse zu erwarten, die es im interdisziplinären Austausch aufzugreifen und für die eigenen Forschungsfelder fruchtbar zu machen gilt.

Anja Eisenbeiß (Heidelberg)


1Die Ergebnisse der ersten Tagung liegen in gedruckter Form vor: Armut und Armenfürsorge in der italienischen Stadtkultur zwischen 13. und 16. Jahrhundert. Bilder, Texte und soziale Praktiken, hrsg. von Philine Helas und Gerhard Wolf (Inklusion/Exklusion. Studien zu Fremdheit und Armut von der Antike bis zur Gegenwart, 2). Frankfurt am Main u. a. 2006. Die Drucklegung der aktuellen Tagung wird vorbereitet: Peter Bell/Dirk Suckow/Gerhard Wolf (Hg.): Fremde in der Stadt. Ordnungen, Repräsentationen und Praktiken (13.-15. Jahrhundert). Frankfurt am Main u. a. 2009 (Inklusion/Exklusion. Studien zu Fremdheit und Armut von der Antike bis zur Gegenwart, 12).


Programm:

Freitag, 15.02.2008

Begrüßung und Einleitung: Gerhard Wolf (Florenz)

Sektion I: Ränder und Zentren
Moderation: Gerhard Wolf (Florenz)

Monika E. Müller (Tübingen): Ritter, Moslems, Elefanten ... - Faszination und Ausgrenzung als Gestaltungsprinzipien figürlicher Konsolplastik in Apulien, 12.-15. Jahrhundert

Marisa Costa (Lissabon): Strangers in the Portuguese cities, 14th-15th centuries

Alberto Saviello (Florenz): Zu einer Bildtopographie des Fremden - Die Darstellung fremder Völker in der Venezianischen Staatskunst

Sektion II: Geteilte Räume
Moderation: Lutz Raphael (Trier)

Christiane Esche-Ramshorn (Cambridge): The Multi-Ethnic Pilgrim Center: Sharing Sacred Space in Renaissance Rome and the Universal Pilgrims' Ethics

Gabriele Köster (Magdeburg): Fremder oder Landsmann. Kardinal Bessarione in Venedig

Benjamin Scheller (Berlin/Pisa): Fremde in der eigenen Stadt? Konvertierte Juden und ihre Nachkommen im spätmittelalterlichen Trani (Apulien) zwischen Inklusion und Exklusion

Uwe Israel (Venedig): Mikrokosmen für Fremde. Fondaci in Italien

Abendvortrag im Palais Walderdorff (Domfreihof): Arnold Esch (Rom): Fremde in italienischen Städten im Mittelalter

Samstag, 16.02.2008

Sektion III: Körper - Zeichen - Zuschreibung
Moderation: Alois Hahn (Trier)

Peter Bell (Trier): Lederstrumpf, gelber Fleck und Halbmond. Label des Fremden in Stadt und Bild des Quattrocento

Michail Chatzidakis (Florenz): Das Bild des Griechen bei Ciriaco d'Ancona

Martin Przybilski (Trier): Fremdheitskonstrukte und der Körper des Juden in mittelalterlicher Literatur

Sektion IV: Besitzen und Beschreiben
Moderation: Viktoria Schmidt-Linsenhoff (Trier/Wien)

Cristoph Cluse (Trier): Die Repräsentation von Sklaven und Sklavinnen in Statuten und Notariatsurkunden

Dirk Suckow (Trier): "...und man siehet die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht." Zur visuellen Repräsentation von Sklaven (13.-15. Jahrhundert)

egan Holmes (Michigan): 'How a woman with a strong devotion to the Virgin Mary gave birth to a very black child': Imagining 'blackness' in Renaissance Florence

Philine Helas (Rom): Schwarz unter Weißen. Zu Status und bildlicher Repräsentation von Schwarzen zur Zeit der Renaissance in Italien

Abschlussdiskussion: Leitung: Gerhard Wolf (Florenz)

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