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Tagungsberichte

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Tagungsberichte

 

Lehre in Dichtung und Lehrdichtung.

 Fallstudien und Grundsatzüberlegungen zum Didaktischen in mittelalterlicher Literatur

[14./17. April 2009, Newcastle upon Tyne (Großbritannien)]


 

Leitung: Christoph Huber, Sandra Linden (beide Universität Tübingen) und Henrike Lähnemann (Newcastle University)

 

Vom 14. bis zum 17. April 2009 fand an der Newcastle University in Newcastle upon Tyne (Großbritannien) eine Tagung zum Thema „Lehre in Dichtung und Lehrdichtung. Fallstudien und Grundsatzüberlegungen zum Didaktischen in mittelalterlicher Literatur” statt, die von Prof. Christoph Huber, Dr. Sandra Linden (beide Universität Tübingen) und Prof. Henrike Lähnemann (Newcastle University) veranstaltet wurde. Anlass der Tagung war das Erscheinen der Neuedition mit Kommentar und Übersetzung von Johannes Rothes ‚Ritterspiegel', die von Christoph Huber und Pamela Kalning erarbeitet wurde (Johannes Rothe, Der Ritterspiegel, hg., übers. und kommentiert von Christoph Huber und Pamela Kalning, Berlin u. a. 2009).
Die Tagung hat sich, ausgehend vom Werk Johannes Rothes, generell der Frage nach Formen und Funktionen von lehrhaftem Sprechen in der deutschen Literatur des Mittelalters gewidmet und versucht, das „Dilemma von lehrhafter Literatur [... und] deren schwierige, die Gattungsmuster kreuzende Poetik” (Christoph Huber, Rezension zu: L. Peter Johnson, Die höfische Literatur der Blütezeit (1160/70-1220/30), Tübingen 1999, in: PBB 130/2008, S. 380) zu beschreiben sowie Lösungsansätze für diesen problematischen Bereich zu skizzieren.

Christoph Huber (Tübingen) hat in seinem Eröffnungsvortrag anhand von Rothes ‚Ritterspiegel’ die Horizonte aufgezeigt, die für die ganze Tagung bestimmend waren. Dabei ging es ihm um verschiedene Aspekte der didaktischen Poetik, von denen er einige anhand von Rothes ‚Ritterspiegel’ exemplarisch behandelte. Dabei wurde deutlich, dass bei Rothe der „didaktische Pluralismus“, also eine gewisse Systemlosigkeit der didaktischen Strategien, geradezu als Prinzip aufgefasst werden kann, das nicht nur bei Rothe, sondern in der gesamten didaktischen Literatur des Mittelalters ein poetologischer Grundsatz ist.
Dieses Prinzip des didaktischen Pluralismus hat Christoph Huber in seinem Vortrag anhand mehrerer Beispiele vorgestellt, zunächst am brüchigen Aufbau des 14. Kapitels, in dem Rothe Kriegstheorie und Lehnsrecht zusammenführt und durch assoziative Bewegungen miteinander verbindet. Dabei sind die Lehrinhalte ganz auf aktuelle und praktische Konstellationen zugeschnitten, weshalb Christoph Huber Rothe treffend als „intellektuellen Seismographen im historischen Erdbebengebiet” bezeichnete. Das zweite Beispiel für didaktischen Pluralismus war im Anschluss an das erste Beispiel der Friedensgedanke, der allerdings nicht konzeptionell aufgearbeitet wird, sondern vielmehr inkonsistent über das gesamte Werk verteilt ist.
Rothes Umgang mit dem Quellenmaterial, mit dem sich auch der Vortrag von Pamela Kalning befasste, hat Christoph Huber im Anschluss an das Konzept des „Wiedererzählens” (Franz-Josef Worstbrock) als didaktische Wiederverwendungs-Poetik bezeichnet. Dazu hat er einige Passagen zur literarischen Selbstreflexion in der Lehrdichtung verglichen (Wernher von Elmendorf, Thomasin von Zerklaere und Hugo von Trimberg) und davon ausgehend die „Quellenklitterung” bei Rothe beschrieben, vor allem im Hinblick auf die Zitiertechnik, aber auch mit Blick auf das jeweilige Handschriftenlayout.
In seinem Vortrag kam Christoph Huber immer wieder auf die verschiedenen didaktischen Register zu sprechen, die Rothes Werk(e) prägen, wobei sich die Bezeichnung „didaktische Register” im Verlauf der Tagung zu einer Art Leitbegriff entwickelte, um die Vielfältigkeit der didaktischen Poetik zu fassen und zu beschreiben.

Da mit der Tagung vor allem das Erscheinen der Neuausgabe von Rothes Ritterspiegel gewürdigt werden sollte, lag ein Schwerpunkt der Tagung auf den Werken von Johannes Rothe. Die entsprechende Sektion am ersten Tag wurde von Martin J. Schubert (Berlin) eröffnet, der in seinem Beitrag die drei Chroniken Rothes (Eisenacher Stadtchronik, Thüringische Landeschronik, Thüringische Weltchronik) im Hinblick auf die „Hinwendungen eines Didaktikers“ an sein Publikum untersucht hat. Dabei stellte Schubert fest, dass sich der Sprech-Habitus des „Erzählers” jeweils an den Kapitelanfängen signifikant ändert, was eine Emotionalisierung und eine engere Einbeziehung des Publikums zur Folge hat. Im Fall der ‚Thüringischen Weltchronik’ hängt diese Änderung des Sprechgestus’ auch mit dem strukturgebenden Akrostichon zusammen. Wichtig sind die Unterschiede und die Gemeinsamkeiten zwischen Didaxe und Chronistik, wobei sich wiederholt die Gattungsproblematik des Didaktischen bemerkbar gemacht hat. Konsens war, dass das Didaktische an sich keine Gattung im eigentlichen Sinne, sondern ein Wirkungs- und Rezeptionsphänomen ist.

Ein ganz anderer Aspekt von Rezeption stand im Vortrag von Pamela Kalning (Heidelberg) im Vordergrund. Sie gab einen Einblick in die Entstehung der Neuausgabe des ‚Ritterspiegels’ und vor allem in die Entwicklung des Kommentierungsverfahrens und hat damit zugleich gezeigt, wie der Kommentar der neuen Ausgabe funktioniert und was er leisten kann. Am Beispiel der komplexen „Ubi-sunt-Topik im ‚Ritterspiegel’ zwischen lateinischen Quellen und literarischer Gestaltung“ hat sie Rothes Umgang mit Autoritätenzitaten untersucht, wobei sich immer wieder die Unschärfe des Begriffs „Zitat” gezeigt hat. Daran anschließend war die Frage nach der Arbeitsweise Rothes und nach dem Umgang mit seinen Quellen von Interesse: Wie hat man sich Rothes „Schreibstube” vorzustellen - hat er Florilegien oder eine Art von Zettelkasten benutzt? Oder hatte er die jeweiligen Originaltexte zur Hand? Mit diesen schwer beziehungsweise gar nicht zu beantwortenden Fragen waren wiederum Horizonte angerissen, die schon im Anschluss an Christoph Hubers Eröffnungsvortrag im Raum standen und die sich anschließend wie ein roter Faden durch die weiteren Tagungsbeiträge, nicht nur zum Werk von Johannes Rothe, gezogen haben.

Gunhild Roth und Volker Honemann (beide Münster) haben mit zwei Vorträgen verschiedene Aspekte des ‚Rechtsbuchs’ von Johannes Purgoldt, das auf der Grundlage von Johannes Rothes Eisenacher Rechtsbüchern entstand, beleuchtet. Gunhild Roth hat sich mit den Reimvorreden zu den einzelnen Büchern von Purgoldts ‚Rechtsbuch’ befasst, die jeweils das Akrostichon IOHANNES PURGOLDT bilden, und Volker Honemann hat über das „„Bild der Gerechtigkeit“ gesprochen, das sich im fünften Buch findet. Dargestellt ist dort eine augen- und armlose Iustitia, für deren Darstellung in den Handschriften E (Eisenach) und W (Wolfenbüttel) eine ältere Iustitia-Abbildung überarbeitet wurde. Durch Volker Honemanns Vortrag wurde deutlich, wie eng das literarische Bild und das reale Bild verknüpft sind und wie sich beide gegenseitig beeinflussen.

Außerhalb des Rothe-Schwerpunktes hat Elke Brüggen (Bonn) am ersten Tagungstag unter dem Titel „„Minne als Dialog“ über die ‚Winsbeckin’ gesprochen und dabei herausgearbeitet, inwiefern die ‚Winsbeckin’ als minnedidaktischer Text, allerdings mit einem recht breiten Horizont, zu verstehen ist. Ihre Überlegungen gingen von der Rollenmodellierung der Lehr- und Lernrolle aus, die im Gegensatz zum ‚Winsbecken’ dialogisch angelegt ist. Die Rollendarstellung trägt dabei teilweise komische Züge. Insgesamt wird die minne als Domäne der gesellschaftlichen Bewährung der Frau bewertet, wodurch ein konventionelles und traditionelles Bild entsteht beziehungsweise bestätigt wird.

Mit einem öffentlichen Abendvortrag von Nigel Palmer (Oxford) zum ‚Speculum humanae salvationis’ endete der erste Tag der Tagung. Bei Nigel Palmers Überlegungen stand vor allem die Frage nach der Überlieferung, Verbreitung und dem Entstehungskontext des Werkes im Vordergrund. Davon ausgehend suchte er nach Gründen für die stark ausgeprägte Rezeption und die äußerst weite Verbreitung des ‚Speculum', vor allem in lateinischen Handschriften, aber auch durch zahlreiche Übersetzungen in verschiedene Volkssprachen (Hoch- und Niederdeutsch, Englisch, Französisch, Tschechisch).

Der zweite Tag begann mit zwei Beiträgen zur Frage der Didaxe in fiktionalen Texten. Anna Mühlherr (Tübingen) hat sich anhand des ‚Straßburger Alexanders’ mit der narrativen Funktionalisierung und der strukturbildenden Funktion von Dingen und deren Zusammenhang mit im Text erteilter Lehre befasst. Konkret ging es zunächst um den Paradiesstein in der Schlussepisode und die darin enthaltene Belehrung des Helden, die aber nicht das primäre Anliegen des Textes ist. Allerdings findet durch diese Belehrung des Helden auch indirekt eine Publikumsbelehrung statt. An der Passage fällt im Hinblick auf diese lehrhaften Aspekte vor allem auf, dass die besonderen Kräfte des Steines dabei keine Rolle spielen.
Eine andere Funktion hat dagegen die Krone, die Alexander im ersten Kampf erringt. An diesem „Ding” zeigt sich nämlich verdichtet Alexanders Weltherrschaftsanspruch. Auch in Alexanders Orientfahrt spielen Dinge eine wichtige Rolle, was vor allem an der Ausstattung von Candacis’ Palast und an dem Bild deutlich wird, durch das diese Alexander erkennt. Auch hier fällt wiederum die Kopplung von Dingen und erteilter Lehre auf.

Der Beitrag von Sandra Linden (Tübingen) hatte das Konzept der moraliteit in Gottfrieds ‚Tristan’ zum Thema. Dabei ging es zunächst um Tristans schoene site beziehungsweise seine elegantia morum und um seine Ausbildung. Bei dieser steht das Studium von Büchern an erster Stelle und ist damit wichtiger als seine höfische Erziehung. Zentral ist auch Tristans musikalische Ausbildung, vor allem im Hinblick auf seine spätere Funktion als Isoldes Lehrer. Beim Unterricht der jungen Isolde steht dann neben den üblichen „Fächern” vor allem die moraliteit im Zentrum, diu kunst diu leret schoene site, weil diese allen edelen herzen Stärkung gibt; dabei hängen Musik und Ethik eng zusammen. Ein wichtiges Element der moraliteit ist die Selbstkontrolle, was sich daran zeigt, dass Tristan und Isolde vom Spiel des jeweils anderen im Gegensatz zu den Höflingen nicht entrückt werden. Die moraliteit wird als unmüezekeit beschrieben, womit sich ein enger Bezug zum Prolog und den dort thematisierten senemæren ergibt. Mit Rückgriff auf die bekannte und vieldiskutierte Passage zum Wert des höfischen Romans für die Tugendlehre aus dem ‚Welschen Gast’ des Thomasin von Zerklære hat Sandra Linden abschließend die Frage des Verhältnisses von Lehre und Dichtung angesprochen.

Der letzte Beitrag der Vormittagssektion galt wieder einem genuin didaktischen Werk, nämlich dem in Sandra Lindens Vortrag bereits angesprochenen ‚Welschen Gast'. Christoph Schanze (Gießen) hat, ausgehend von einer Analyse der biblischen Erzählung von Jakobs Traum, die Entwicklung des Motivs der Himmelsleiter bis ins hohe Mittelalter nachgezeichnet und an diesem Beispiel gezeigt, wie Thomasin vorgeprägte Traditionen aufgreift, diese in sein didaktisches Programm integriert und ihnen so eine neue und eigene Prägung gibt. Dabei spielt auch der Illustrationszyklus zum ‚Welschen Gast’ eine wichtige Rolle, denn am Beispiel der Tugendleiter-Illustration hat sich gezeigt, wie eine eigenständige ikonographische Tradition den Text überformen und dessen Verständnis beeinflussen kann.

Der dritte und letzte Tag der Tagung begann mit einer Sektion zur Frage der Didaxe in geistlichen Kontexten, wobei in den einzelnen Vorträgen schnell klar wurde, dass es zahlreiche Berührungspunkte zwischen geistlicher und nicht dediziert geistlicher Didaxe gibt.

Im Vortrag von Almut Suerbaum (Oxford) ging es um den Zusammenhang zwischen Mystik und Lehre bei Mechthild von Magdeburg und im ‚St. Trudperter Hohelied'. Im ‚Fließenden Licht der Gottheit’ ist der didaktische, traktatartige Duktus klar erkennbar, weil die Verschriftlichung der mystischen Erfahrung auch immer als Hinführung anderer zur unio mit Gott zu verstehen ist. Im Fokus von Almut Suerbaums Ausführungen standen vor allem die weibliche Sprechposition und die spezifischen Formen didaktischen Sprechens, die dadurch bedingt sind. Im ‚St. Trudperter Hohelied’ hat sich die didaktische Funktion in der Form der gesprächsartigen Unterweisung gezeigt, in der die Hoheliedbearbeitung eingekleidet ist. Diese lehnt sich zwar an Willirams von Ebersberg ‚Expositio in Canticua Canticorum’ an, ist aber in der Ausdeutung freier und zeigt darin den Einfluss von Rupert von Deutz. Während Mechthilds ‚Fließendes Licht’ eher auf die Selbsterfahrung in der Entfremdung von Gott zielt, ist im ‚St. Trudperter Hohelied’ das Leid in der klösterlichen Gemeinschaft zu meistern, woran sich die jeweilige didaktische Funktionalisierung des Werkes zeigt. Insgesamt setzen sich beide Texte scharf vom Bereich des gelehrten Wissens ab.

Michael Rupp (Chemnitz) hat sich anhand einer erweiterten Fassung der ‚Postille’ Hartwigs/Heinrichs von Erfurt mit der Gattung Predigt als „Lesetext” auseinandergesetzt. Dabei hat er zunächst gezeigt, dass die Texte dieser Sammlung im Gegensatz zu den Predigtsammlungen Bertholts von Regensburg, Meister Eckharts oder Johannes Taulers als Gebrauchstexte aufzufassen sind, die bewusst offen gehalten sind und dadurch stärkere Züge von Unterweisung und Didaxe zeigen als eher literarisch durchgestaltete Predigten. In der ‚Postille’ sind 93 Predigten überliefert, die in der Regel aus zwei Teilen bestehen: zunächst wird jeweils das Thema der Perikope allgemein abgehandelt, bevor das Evangelium Vers für Vers ausgelegt wird, wobei mystische Tendenzen auffallen.
Die Texte verwenden in didaktischer Absicht eine prägnante Bildsprache, denn durch die Allegorese von biblischen Bildern soll zugleich das Denken in Bildern eingeübt werden. Die didaktische Intention ist also eine zweifache: die Rezipienten sollen lernen, gegebene Bilder zu entschlüsseln und darüber hinaus Bilder aus der eigenen Vorstellungskraft dazu benutzen, die eigene Wahrnehmung zu intensivieren. Das Ziel ist die freie Meditation über die jeweilige Bibelstelle, die durch die imaginäre Verschmelzung mit einer virtuellen Realität intensiviert wird. So vermittelt der Prediger keine Gebote und kein richtiges Bibelverständnis, vielmehr weist er dem Rezipienten den Weg zur mystischen Erfahrung der Begegnung mit Gott.

Annette Volfing (Oxford) hat anhand von Konrads ‚Büchlein von der geistlichen Gemahelschaft’ den Zusammenhang von Allegorie und Didaxe beziehungsweise das Wechselspiel zwischen narratologischen und didaktischen Erwägungen dargestellt, das dem Ziel des Textes, der pezzrung der Leserschaft, untergeordnet ist. In das ‚Büchlein’ werden zu diesem Zweck geistliche bîspel und Gleichnisse aus dem Neuen Testament eingebaut, mittels denen das Hohelied-Material ausgedeutet wird. Die Gleichnisse sind stark ineinandergeschachtelt und werden vom Verfasser mit narrativen Spielereien wie zum Beispiel Experimenten mit „Echtzeit-Erzählung” verbunden. Diese Freiheiten von der narrativen Disziplin sollen die Phantasie des Publikums anregen und gleichzeitig kanalisieren, und gerade dieser offene Umgang mit dem Stoff regt das Imaginäre an.

Die letzte Sektion der Tagung öffnete durch vier heterogene Vorträge nochmals die Perspektive auf das gesamte breite Spektrum von didaktischem Sprechen im Mittelalter. Franziska Küenzlen (Münster) hat sich im Anschluss an Untersuchungen von Peter Koch und Wulf Oesterreicher mit dem Verhältnis von Schriftlichkeit und Mündlichkeit beziehungsweise von Schriftsprache und gesprochener Sprache befasst. Sie übertrug die Beobachtungen aus der romanistischen Linguistik auf zwei Schachtraktakte, den ‚Liber de moribus hominum et officiis nobilium sive de ludo scaccorum’ des Jacobus de Cessolis und dessen mittelhochdeutsche Versbearbeitung, das ‚Schachzabelbuoch’ Konrads von Ammenhausen. Die Untersuchung einer Passage aus dem ‚Liber de moribus’ hat gezeigt, dass der Text in seiner Diktion starke Merkmale von Schriftlichkeit aufweist. Dagegen zeigt Konrads Bearbeitung der entsprechenden Passage deutliche Züge von „bemühter Schriftlichkeit”, also schriftliche Formulierungen, die die typischen schriftsprachlichen Kommunikationsmittel übertrieben stark einsetzen. Der Grund hierfür liegt in einer Neuausrichtung von Konrads Text: er betont nämlich die didaktischen Aspekte und stärkt dazu die Position des Sprecher-Ichs, wodurch das ‚Schachzabelbuoch’ im Gegensatz zum distanziert-schriftsprachlichen Duktus der Vorlage eher einen dialogischen Charakter bekommt.

Der Vortrag von Heike Sahm (Münster) hatte Peter Suchenwirts heraldische Totenreden zum Thema und hat sich mit der Spannung zwischen Repräsentation und Individualität in diesem Genre befasst. Suchenwirts Texte sind alle nach einem ähnlichen Muster gebaut. Auf eine Einleitung, die auf typische Motive zurückgreift (Spaziergang, Unfähigkeits-Topos oder Klage) folgt das Lob des Verstorbenen, eine Wappenbeschreibung, die das eigentlich neue Element in den heraldischen Totenklagen Suchenwirts im Vergleich zur mittelhochdeutschen Panegyrik ist, und schließlich die Namensnennung und Fürbitten. In der Wappenbeschreibung benutzt Suchenwirt in den verschiedenen Texten eine recht einheitliche Terminologie, die stark vom geblümten Stil beeinflusst ist, der die beschriebenen realen Wappen glänzen lässt wie die fiktiven aus der höfischen Dichtung. Es ist davon auszugehen, dass die heraldischen Totenklagen primär für die Trauerfeierlichkeiten zu Ehren des Verstorbenen verfasst wurden. Das Wappen steht dabei als Zeichen für eine individuelle Person und nicht für die Sippe, die Funktion der Texte liegt also in der konkreten Erinnerung an den Verstorbenen.

Franz-Josef Holznagel (Rostock) hat in seinem Vortrag Minne-bîspel aus dem Wiener Codex 2705 im Hinblick auf das programmatische Nebeneinander zweier Diskurse in dieser Textsorte untersucht und ist dabei von dem im bîspel eingesetzten didaktischen „Kunstgriff”, nämlich Bekanntes und Akzeptiertes auf einen anderen Bereich zu übertragen und diesen dadurch zu legitimieren, ausgegangen. In den entsprechenden Texten werden Fragen von Liebe und Ehe verhandelt, wobei sich schnell zeigt, dass die normativen Entwürfe des Diskurses über höfische Liebe bestätigt werden - man hat es also mit einem traditionellen Konzept zu tun, das nur punktuell weiterentwickelt und variiert wird. Theologische, rechtliche und politische Diskurse werden nicht berührt. Nach einem Überblick über die Inhalte der Minne-bîspel hat Franz-Josef Holznagel den Zusammenhang zwischen Auslegungs- und Beispielteil beleuchtet. Themen des Beispielteils sind hauptsächlich Naturphänomene und Konstellationen aus der sozialen Lebensrealität, meist der höfischen Gesellschaft, aber auch anderer Stände. Der Erzählungsteil bezieht sich in der Regel auf etablierte Redeordnungen, meist auf die Tradition der Fabel, wobei sich allerdings keine direkten Übernahmen aus der Fabeltradition finden. Auch etablierte Sprachformeln wie Sprichwörter, Sentenzen oder Metaphern werden aufgerufen, um die Lehren im Auslegungsteil zu legitimieren.

Zum Abschluss der Tagung hat schließlich Henrike Lähnemann (Newcastle) über den Zusammenhang zwischen „„Musik und Didaxe in spätmittelalterlichen geistlichen Handschriften“ aus den Lüneburger Klöstern gesprochen. Sie hat den Zusammenhang von Musik und Didaxe in die Erneuerung der Liturgiebewegung des 15. Jahrhunderts eingeordnet und daran die Einheit der beiden Elemente in den entsprechenden Handschriften dargestellt. Mit Vorstellungen wie der „Harfe der Seele” und der „Orgel des Herzens” wird dort auch eine Art innere Musik in die Vermittlung einbezogen, wobei es eher um Musikmeditation und die Ausbildung einer mentalen Disziplin geht als um reale Musikdidaxe. Dennoch wirken reale und mentale Instrumente zusammen.

Die breiten Perspektiven, die die verschiedenen Beiträge zur Tagung eröffnet haben, machten insgesamt deutlich, wie vielfältig und reichhaltig die mittelalterlichen Texte sind, die unter dem Stichwort des „Didaktischen” zusammengefasst werden können, und zwar jenseits von festgefahrenen Gattungsgrenzen. Johann Wolfgang von Goethe hat in seinem Essay ‚Über das Lehrgedicht’ eine folgenschwere Aussage im Hinblick auf die Gattungszugehörigkeit von didaktischen Texten gemacht: „Es ist nicht zulässig, daß man zu den drei Dichtarten: der lyrischen, epischen und dramatischen noch die didaktische hinzufüge. Dieses begreift jedermann, welcher bemerkt, dass jene drei ersten der Form nach unterschieden sind, und also die letztere, die von dem Inhalt ihren Namen hat, nicht in derselben Reihe stehen kann.” Die Abwertung, die diese Formulierung impliziert, hat zur Folge gehabt, dass didaktische Texte lange im Schatten der drei üblichen Gattungen standen. Auch wenn sich die Forschung in den letzten Jahren verstärkt auch diesem Bereich zugewandt hat, ist den Fragen und Problemhorizonten, die im Verlauf der Tagung angesprochen wurden, weiter nachzugehen. Es ist wünschenswert, dass die Überlegungen der Tagung dazu anregen, diese Richtung weiter zu verfolgen, und dass die sie dadurch einen Beitrag zur Neubewertung mittelalterlicher didaktischer Texte liefern.

Christoph Schanze

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