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Tagungsberichte

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Tagungsberichte

 

Deutsche Texte der Salierzeit − Neuanfänge und Kontinuität im 11. Jahrhundert.

 Tagung begleitend zur Canossa−Ausstellung

[15./17. September 2006, Paderborn]


 

Leitung: Ernst Bremer, Stephan Müller und Jens Schneider (alle Paderborn)

 

Begleitend zur Canossa-Ausstellung veranstaltete unter der Leitung von Ernst Bremer, Stephan Müller und Jens Schneider (alle Paderborn) der Lehrstuhl für deutsche Sprache und Literatur des Mittelalters zusammen mit dem IEMAN (Institut zur Interdisziplinären Erforschung des Mittelalters und seines Nachwirkens) vom 15. bis 17. September 2006 eine Tagung zum Thema „Deutsche Texte der Salierzeit − Neuanfänge und Kontinuitäten im 11. Jahrhundert“. Dieses internationale Symposium wurde von der Universität Paderborn, der Ausstellungsgesellschaft „Canossa 1077“ und der Paderborner Universitätsgesellschaft unterstützt.

Im Mittelpunkt stand die Frage, ob die volkssprachige Literatur des 11. Jahrhunderts einen Beginn, einen Wiederbeginn oder Kontinuität darstellt. „Wiederbeginn“ würde eine Unterbrechung unterstellen, die im 11. Jahrhundert ihr Ende findet. „Beginn“ würde bedeuten, dass von einer früheren volkssprachiger Literatur nicht die Rede sein könne. Dabei ist sicher, dass es eine mündlich-weltliche Literaturtradition durchgehend gegeben hat. Auch geschrieben wurde durchgehend; nur, dass es sich dabei um die Früchte klösterlicher Gelehrsamkeit handelt, die nur punktuell in der lateinisch geprägten Schreibkultur entstehen und eben nicht um literarische Texte im engeren Sinne: Die übliche Form frühester volkssprachiger Schriftlichkeit ist die Glosse, die Beichte, der Segen und der Zauberspruch. Tatsächlich beginnt nach dem Ende der althochdeutschen Literatur (800-950) erst nach 1050 eine literarische Tradition in frühmittelhochdeutscher Sprache. Es entstehen prominente Texte wie das Ezzolied, das Annolied, das Memento mori, eine Genesisdichtung und das Merigato. Konnte man bei den althochdeutschen Texten noch nicht sagen, ob der eine Text vom anderen wusste, hinterlassen ab 1050 die Texte erstmals deutliche Spuren ineinander. Sie beginnen, aufeinander Bezug zu nehmen, sich in eine literarische Tradition einzureihen und diesen Prozess selbst zu reflektieren.

Davon kann in Bezug auf die Literatur des 11. Jh. noch nicht die Rede sein. Was sich aber beschreiben lässt, sind der Medienwechsel zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit, die Entstehung einer volkssprachigen Schriftlichkeit, die sich allmählich aus der Überlieferungsgemeinschaft mit dem Latein löst und die spezifische Interdependenz von Formen und Funktionen, welche die frühe volkssprachige Schriftlichkeit im Zuge dieses Prozesses ausbildet. Diese drei Gegenstände: Medienwechsel, Verselbständigung der Volkssprachigkeit und ihre pragmatische Einbindung, bildeten die thematische Schnittmenge der Tagung.

Die Vortragsreihe eröffnete Benno Fuchssteiner (Paderborn) mit seinen Ausführungen zum Thema „Wissenschaftliches Weltbild und Astronomie im 11. Jahrhundert“. Über die „deutsche Sprache des 11. Jahrhunderts“ referierte im folgenden Thomas Klein (Bonn). Den Schwerpunkt legte er dabei auf den Wandel der Adjektivdeklination im 11. Jahrhundert. Der Vortrag von Rolf Bergmann (Bamberg) befasste sich mit den „Neuanfängen und Kontinuitäten in der deutschsprachigen Glossographie des 11. Jahrhunderts“, wobei er besondere Typen der volkssprachigen Glossierungen dieser Zeit vorstellte. Sonja Glauch (Erlangen) betonte in ihrem Vortrag „Verse schreiben: Eine Leerstelle in der deutschen Literatur des 10. Jahrhunderts“, dass die Versliteratur im frühen Mittelalter ins Stocken geriet, weil die singbare Dichtung für die Verschriftlichung ungeeignet war, bzw. nicht in ihrer Singbarkeit verschriftlicht werden konnte.

Der erste Tag des Symposiums endete mit einem gut besuchten öffentlichen Vortrag. Gisela Vollmann-Profe und Benedikt Konrad Vollmann (beide Eichstätt) referierten zum Thema „Die unruhige Generation. Deutsche und lateinische Literatur in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts“. Vollmann zeichnete das historische Profil des Frühmittelalters nach und beschrieb, wie die lateinische Literatur dieses kritisch oder ironisch in Frage stellte. Die ganz andere Reaktion der volkssprachigen Dichtung, die stets auf eine Harmonie der weltlichen und geistlichen Sphäre abziele, stellte Frau Vollmann-Profe vor. Der zweite Tag wurde von Matthias Tischler (Frankfurt am Main) mit der Frage eingeläutet, ob Meinhard von Bamberg ein Intellektueller war. Zur Beantwortung führte er die Merkmale an, die einen Gelehrten zum Intellektuellen machen: Innovation, Professionalität und Multidisziplinarität. Ulrike Zellmann (Berlin) berichtete über die Inszenierung von Pathos im lateinischen ‚Ruodlieb‘ und Stephanie Seidl (München) über die Funktionen der ‚Magnusvita‘ Otlohs von St. Emmeram. Die Sprachformen in der ‚Aurelius-Vita‘ und der ‚Expositio‘ Willirams von Ebersberg stellt Henrike Lähnemann (Newcastle) vor, wobei sie besonders den Unterschied zwischen Reimprosa und Mischsprache betonte. Die zentralen volkssprachigen Texte der Zeit behandelten die abschließenden Vorträge: Norbert Kössinger (Paderborn) legte in seinem Vortrag zum ,Ezzolied den Schwerpunkt auf die mediale Repräsentation der beiden überlieferten Fassungen, Helmut Brall (Düsseldorf) stellte in seinem Referat zum ‚Annolied‘ die Frage, ob das Werk ein Spiegel der Salierzeit sei und Ernst Hellgardt (München) sprach über die Handschrift und den Inhalt des ‚Merigato‘.

Sonja Glauch fragte nach dem Neuanfang der geistlichen Verskunst im 11. Jahrhundert und kam dabei zu dem Ergebnis, dass es diesen nicht gibt. Der eigentliche Neuanfang ist (und hier traf sich Glauch mit Vollmann-Profe, die pointiert formulierte, dass das Erstaunliche an der volkssprachigen Dichtung der Salierzeit ihre Existenz sei) das Neueinsetzen von Schriftlichkeit überhaupt.

Glauch nahm in ihrer Argumentation eine Überblendung von formgeschichtlichen und überlieferungsgeschichtlichen, bzw. von medien- und performanzgeschichtlichen Kategorien vor, um die erstaunliche Kontinuität des vierhebigen Reimpaarverses zu erklären, der gleichermaßen gesungene, als auch rezitierte Dichtung verschriftlicht. Eine Scheidelinie zwischen liedhaft gesungener und rezitativer Dichtung ist in der Form ihrer Verschriftlichung nicht (mehr) zu erkennen. Der verschriftlichte Vers sagt also nichts über den Gebrauchskontext mündlicher Dichtung aus. Ungeachtet der Verschiedenheit ihrer Gebrauchsformen ist die Ununterscheidbarkeit der verschriftlichten Verse so groß, dass Thomas Klein in einer statistischen Erhebung zum Vers des 11. bis 13. Jahrhundert sämtliche Texte vom Ezzolied bis zum Parzival in ein einziges Feld einordnen konnte.

Glauch kommt zu dem Ergebnis, dass ein gesungener, melodiehaltiger Vers in der Verschriftlichung notwendig seine ursprüngliche Funktion verlieren muss. Denn Schrift allein kann aus einem ehemals gesungenen Vers keine Widergebrauchsrede machen. So wird der Sangvers zur schweren Hypothek, weil er seine Situationsgebundenheit nicht überwinden, gesangliche Kommunikation eben nicht zerdehnen kann. Drei Lösungsmöglichkeiten eröffnet dieses Problem: Zunächst die mündliche Überlieferung, dann die Weitentwickung von Techniken der Verstetigung wie Notenschrift und schließlich die Verkürzung der Aufzeichnung um die nicht notierbaren vokalen Register: Gesangliche Dichtung streift in ihrer Verschriftlichung ihre Melodie ab, um an Resonanz zu gewinnen. Deutsche Versliteratur gerät im Frühmittelalter also ins Stocken, weil sie mit einem melodiehaltigen, für mündliche Praxis konzipierten Sangvers auf eine Form setzt, die für die Schrift ungeeignet ist.

Lähnemann beurteilt die Mischsprache der ‚Expositio‘ Wilirams von Ebersberg aus der Perspektive seiner ‚Aurelius-Vita‘, versucht also, das Miteinander von Latein und Deutsch von der Seite des Latein aus zu denken. Dabei kommt sie zu zwei weitreichenden Schlussfolgerungen für die Position, die die Volkssprache in der ‚Expositio‘ einnimmt: Volkssprache ist hier weder Verschriftlichung mündlicher Redeform, noch an die Funktion der Rezeptionsunterstützung gebunden. Denn in der ‚Expositio‘ hat sie die Funktion, ein zusätzliches sprachliches Register bereitzustellen. Dazu allerdings muss sie zunächst durch das Latein von ihrer Weltlichkeit gereinigt werden, um so zum Medium von theologischer Wahrheit und christliches Dogma zu werden. Doch sobald sich das Layout auflöst, ist für die Mischsprache kein Ort mehr, weil sie der Gegenposition des lateinischen Verskommentars bedarf.

Ob die Handschrift, die das ‚Merigato‘ überliefert, auch lateinische Texte enthalten hat, ist ungewiss, aber Hellgart zufolge doch eher wahrscheinlich. Hellgart setzt sich kritisch mit der Auffassung auseinander, dass das ‚Merigato‘ eine kosmographische Thematik zum Gegenstand haben könne und macht demgegenüber anhand seiner Einrichtung und Umfang plausibel, dass es sich um ein geschlossenes, hydrologisches Stück handelt. Charakterisiert ist es durch einen spezifischen Stil implizierenden Redens, der nicht auf die Verständnismöglichkeiten des Rezipienten reflektiert und in dem sich eine noch defizitäre Beherrschung literarischer Technik erkennen lässt, der paradigmatisch ist für diese frühen Texte.

Für die Verschriftlichung volkssprachiger Heiligenviten verzeichnet Seidel weder Kontinuität, noch Wandel oder Neubeginn, sondern Leere. Diskutiert wurden die Gründe für diesen Befund am Beispiel der Magnus-Vita Otlohs von St. Emeram. Der Sachverhalt, dass Heiligenviten ganz pragmatische Funktionen haben und institutionelle, politische und wirtschaftliche Geltungsansprüche artikulieren, ist ihr mit ein Grund für das Fehlen deutsprachiger Viten-Bearbeitungen im 11. Jahrhundert. In der Magnus-Vita beispielsweise werden Heiligengeschichte und Gründungsgeschichte überblendet, so dass ihr enger Bezug auf das Füssener Kloster ihre geringe Verbreitung plausibilisieren kann.

Nicole Kurnap Katharina Philipowski

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